Web 2.0 missunderstood

Für Herrn Schlautmann bedeutet Web 2.0 den Trend, Teile der Produktarbeit auf die Verbraucher auszulagern und so den eigenen Umsatz zu steigern. Als Beispiel führt er das erfolgreiche Internetunternehmen "Spreadshirt" an, das nach eigenen Angaben bereits seit Jahren schwarze Zahlen schreibt. Süffisant behauptet Schlautmann, die Kundenschaft habe die Produkte des Unternehmens entworfen, weil Spreadshirt lediglich T-Shirts nach den Entwürfen von Privatleuten, Musikbands oder Vereinen nähe.

Für mich eine ziemliche Fehlinterpretation der Geschäftsidee. Spreadshirt ermöglicht es vielmehr jedem, seine eigenen kreativen Ideen in T-Shirts umzusetzen. Eine Art Maßschneiderei für T-Shirts also. Würde man den Schneidern in der vornehmen Londoner Saville Row ernsthaft vorwerfen wollen, dass sie ihre Produkte durch den Kunden konzipieren lassen, bloß weil der wohlmöglich eigene Vorstellungen und eigene Körpermaße mitbringt?

Richtiger dann schon die Einschätzung verschiedener Dienste, wie Flickr und YouTube, die in der Tat ausschließlich über nutzergenerierte Inhalte nach außen treten. Allerdings stellt sich da die Frage, womit diese beiden Plattformen in der Zukunft Geld zu verdienen gedenken. Mag sein, dass Werbung auf stark frequentierten Seiten anfänglich, im Sinne einer neuen Aufbruchsstimmung, relativ gut zu platzieren ist. Die positive mittel- und langfristige Wirkung dessen im Marketingsinne halte ich zumindest für fragwürdig. Insofern passen die echten Web-2.0-Dienste nicht wirklich nachhaltig zum Thema Verbraucher und Umsatzsteigerung.

Sicher arbeiten sich derzeit vermeintliche Strategieexperten zu den Themen Blogs, Foren und Communities unter dem Gesamtsstichwort "Social Web" oder "Social Software" hochpreisig ab. Welche der derzeit hochgelobten Neuerscheinungen des digitalen Zeitalters aber tatsächlich erfolgreich im Rahmen einer unternehmerischen Gesamtstrategie zum Einsatz kommen sollte, ist am heutigen Tage Kaffeesatzleserei.

Verschiedene Kritiker vergleichen den Hype um das Web 2.0 weitgehend ungehört mit demjenigen kurz vor dem Platzen der damals sog. Internet-Bubble rund um die Jahrtausendwende. Die Ähnlichkeiten sind durchaus gegeben. Die meisten der totally hip Web-2.0-Dienste machen keinen Cent Umsatz. Allein die Vision, dies könne sich mal ändern, beflügelt die Investoren.

Nun ist es damit bekanntlich so eine Sache. Schon Altkanzler Helmut Schmidt hat dazu eine eindeutige Aussage getroffen: "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen."

(Foto: www.pixelquelle.de / Fotograf: pixelbuehrer)

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