Und PSL sprach?

Im Interview mit dem Stern, das für ein Scholl-Latour-Interview überraschend kurz ist, antwortet der einzig wahre Nahost-Experte auf die Frage, ob es dem Irak unter Saddam Hussein besser ging: „Wesentlich besser. Die Kurden und die Schiiten wurden zwar unterdrückt. Aber Saddam Hussein hat das Land zusammengehalten, es gab nicht die tägliche Angst, durch kriminelle Banden ermordet oder erpresst zu werden.“

Damals gab es also keine tägliche Angst, keine Giftgasangriffe auf Kurden und auch keine zehntausende getötete Schiiten. Gut also, dass die Kurden und Schiiten für ein höheres Ziel (den Zusammenhalt des Landes) unterdrückt wurden?

Eine seltsame Vorstellung von Demokratie hat die graue Eminenz. Das im Irak einiges Falsch läuft ist sicher richtig, dass dort mit falschen Mitteln versucht wird, das Richtige zu tun aber auch. Doch statt sich in Nostalgie zu verlieren und altklug über die „guten alten Zeiten“ zu philosophieren, könnte PSL ja auch seinen Masterplan auf den Tisch packen. Macht er aber nicht, weil er ihn nicht hat. Stattdessen schlägt er den Abzug aller Truppen vor, um den Irak sich selber zu überlassen.

Aber wird der Irak dadurch sicherer? Wohl kaum. Scholl-Latour ist sogar der Meinung, dass wir es aktuell bereits mit einem Bürgerkrieg zu tun haben. Das Land bricht auseinander in einen schiitischen, sunnitischen und kurdischen Teil. Der kurdische Teil soll sich schon jetzt völlig losgelöst haben. Interessanterweise haben wir die Möglichkeit einer Dreiteilung des Landes bereits an anderer Stelle diskutiert. Der einzige Grund, der gegen eine solche Dreiteilung spricht, ist die amerikanische National Strategy for Victory in Iraq. Dort heißt es nämlich: „Iraq evolves into a free, federal, democratic, pluralist, and unified state representative of all Iraqi citizens“. Der föderale Gedanke steht also noch im Mittelpunkt der US-Sieges-Strategie. Vielleicht sollte man diesen Punk noch einmal überdenken.

Lieber ein dreigeteiltes, befriedetes Land ohne US-Truppen in absehbarer Zeit, als einen Saddam light, wie ihn Peter Scholl-Latour als Lösung vorschlägt.

9 Meinungen

  1. Ob ein “dreigeteiltes Land” den ersehnten Frieden bringt ist mehr als fraglich. Die Meinung von “PSL” sollte jedoch nicht unterschätzt werden, denn Paul Bremer ist doch wohl kaum der Führung des Irakes würdig! Wie kann man auch volksnah regieren wenn man von 5m hohen Betonwällen eingezäunt ist.mfg Ben

  2. Paul Bremer ist auch nicht mehr zur “Führung” des Irak verdammt, dafür ist die seit dem Mai letzten Jahres amtierende irakische Reigerung verantwortlich.

  3. Ein weiteres Kapitel in der PSL-Show… Der Mann weiß einfach alles und scheut sich nicht Pauschalurteile zu fällen.Von einen Wissenschaftler würde man mehr erwarten. Aber Herr Scholl-Latour ist eine Medienmaschine und schon lange kein ernstzunehmender Forscher mehr.Die Knopps und Scholl-Latours der Welt nerven manchmal tierisch.

  4. Okay, PSL ist wahrscheinlich mittlerweile ein wenig altersweise – trotzdem, was der alles erlebt hat und wo der überall dabei war…das sucht seinesgleichen. Er hat immerhin 50 Jahre Weltgeschichte, von Nahost über Vietnam, AFG und Irak hautnah miterlebt – wer kann das schon von sich behaupten? -Seine Urteile, naja, man braucht ja nicht alles für unantastbar halten, was ein alter weise Mann da von sich gibt. Er ist ja nicht Moses.

  5. Ja der olle PSL,ehrlichgesagt halte ich seine Diagnose gar nicht für so abwegig; allerdings auch für ziemlich abgewixxst.Hamburger Abendblatt: Studie: Opferzahlen im Irak zehnmal höher als angenommen Da wird gleich von 655.000 Toten gesprochen, auch wenn die Zahl m. M. übertrieben ist, selbst mit „moderaten“ 100.000 Toten geht der Bodycount deutlich zu Saddams Gunsten aus. Bush Senior hat den ersten Irakkrieg abgebrochen, um sich dieses Chaos zu ersparen. Wenn man sieht was die Leute sich da gegenseitig antun, kann man regelrecht zum Antisemiten werden, die irakischen Araber gehören auch zur semitischen Völkergruppe……Es ist eine Illusion den Irak als Einheitsstaat erhalten zu wollen. Etwas Entspannung kann nur eine Annäherung zwischen dem Iran und den USA bringen, zusätzlich müssen die Amerikaner die Türkei zur Anerkennung eines kurdischen Staates zwingen. Wenn ein schiitisches Gebiet unabhängig geworden ist, müssten sich die Amerikaner nur noch militärisch im sunnitischen Teil des Landes engagieren, um die Al Qaida-Gefahr zu kontrollieren. Übrigens sind die Bi Laden-Leute die quasi natürlichen Todfeinde des schiitischen Irans, wird oft vergessen! Bei der Afghanistaninvasion haben iranische Rev.Garden angeblich sogar den Taliban Rückzugswege versperrt. Das iranisch-amerikanische Verhältnis ist m. M. relativ realistisch verbesserungsfähig. Dazu müssen die USA aber zunächst ihre dogmatisch Ablehnungshaltung aufgeben. Auch Castro wäre ohne US-Embargo schon lange Geschichte. Also Konversion statt Invasion.Beste GrüßeAlex

  6. “selbst mit „moderaten“ 100.000 Toten geht der Bodycount deutlich zu Saddams Gunsten aus.”Das wiederum würde ich bezweifeln. Ich glaube mich zu erinnern, gelesen zu haben, dass unter Saddam mindestens 400.000 Menschen ihr Leben lassen mussten.-Beim Rest kann ich dir nur zustimmen. Mittlerweile scheints ja so, als ob die USA auf den Pfad der Realpolitik zurückkehrten. Ob´s hilft? Man wird sehen. Immerhin konnte auch das Vietnam Debakel mehr oder minder von der Realpolitikern gelöst werden, während unter den Idealisten das ganze Schlamassel erst anfing. Ein wenig Hoffnung bleibt also.

  7. @Martin,lass uns bloß nicht um Opferzahlen feilschen, ein Mord genügt vollkommen. Die derzeitige Lage erfordert max. Pragmatismus. Da muss wirklich mit jeder Partei gesprochen werden. Selbst für die Moslem-Extremisten aller Couleur kann die Situation auf Dauer keine Vorteile mehr bringen. Die Zustände diskreditieren langsam alle beteiligten Parteien auch in ihrer Anhängerschaft. Wie Helmut Schimdt schon sagete: “Wer eine Vison hat, sollte dringend zum Arzt gehen…” Aber verständlicher wird dieser kollektive Amoklauf im Irak davon auch nicht.Einen ratlosen GrußAlex

  8. Okay, kein Streit um Opferzahlen. Ein Mord ist schon einer zuviel. Dennoch sollte man (oder PSL) jetzt nicht so tun, als ob Saddam ein liebevoller, fürsoglicher Staatschef gewesen wäre – er war ein mordender Diktator der den Irak u.a. wegen seiner rücksichtslosen Politik zusammenhielt. Nicht mehr.

  9. Vollkommen richtige Einschätzung Alex. Leider wird Politik ja selten pragmatisch betrieben, daher werden wir wohl noch etwas auf eine Verbesserung des Verhältnisses zwischen Iran und USA warten müssen. Zu der These PSLs, dass es dem Irak unter Saddam Hussein besser ging, gesellte sich nun auch noch der scheidende oberste Hüter des Weltfriedens. Auch er sieht keine Lösung ohne den Iran: Er sprach sich dafür aus, den Iran und Syrien in die Überlegungen der internationalen Gemeinschaft mit einzubeziehen.

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