Subjektive Wahrheiten

Nach wie vor gilt in Deutschland bis zur Urteilsverkündung die Unschuldsvermutung. Das Rechtsstaatsprinzip gehört zu den Feilern unserer Verfassung, genauso wie die Vereinfachung zum Mediensystem. Ossis verprügeln Farbigen ist gleich Rassismus, so lautet das Medieneinmaleins. Diskussionen über das Tatmotiv werden als Verharmlosung abgetan. Das Gewalt falsch ist, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren, über die Aufregungszyklen und -mechanismen deutscher Medien schon. Vor zwei Wochen geisterte eine Diskussion über Ehrenmorde durch deutsche Gazetten und mit ihr die Frage, ob Familie Sürücü das Sorgerecht für das Kind der Ermordeten erhalten soll. Eine Woche zuvor war es die Gewalt an der Rütli-Schule, die die gesamte Aufmerksamkeit der Medien beanspruchte, nun ist es der vermutlich rassistische Überfall auf den Deutsch-Äthiopier. Keine Diskussion mehr über Integrationskonzepte, Schulpsychologen und den Umgang mit Migranten.
 
Die Medien sind so kurzlebig, das alles politische Handeln sich notwendigerweise in Aktionismus auflöst. Was zählt ist nicht mehr die Tat, sondern das Wort. Das erklärt auch die Verlautbarungen von Schäuble und Schönbohm. Schäuble schiebt der ostdeutschen Sozialisation die Verantwortung für die Tat zu, Schönbohm will von Systemfehlern nichts wissen und tut sie als Kneipenschlägerei ab. Generalbundesanwalt Nehm erklärt den Fall zu Chefsache.
 
Kurzum es geht spätestens seit diesem Wochenende nicht mehr allein um die Tat an sich, ebenso wenig geht es um Fremdenfeindlichkeit oder die Stigmatisierung des Ostens. Es geht um politische Befindlichkeiten, jede Seite, ob links, ob rechts, deutet den Fall nach eigenem Dünken, das durch das potentielle Wählerklientel bestimt ist. Während die einen die Tat bagatellisieren, neigen die anderen zu Übertreibungen. Und die Medien haben ihren Platz gefunden, für sie steht das Urteil bereits fest. Doch das einzige was allen – Medien, Parteien und Beobachtern – gemein ist, ist die komplette Ahnungslosigkeit über die tatsächlichen Tatumstände. Was im Moment geschieht, hat mit Berichterstattung nicht viel zu tun, es sind Ansichten und Meinungen, die die Öffentlichkeit erreichen, ohne als solche deklariert zu sein.

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