Sozialpaten als Zukunftsmodell?

Die Autorin Susanne Gaschke (die übrigens in der Szene wirklich keine Unbekannte ist) fordert unter dem Titel "Erziehung ist Glückssache", das deutsche Bildungsbürgertum solle "endlich mit den Schmuddelkindern spielen". Fokus ihres Artikels sind die deutschen Hauptschulen, die nach ihrer Auffassung viel zu wenig politische und materielle Unterstützung erhalten und die daher quasi automatisch zum Misserfolg verdammt sind. Dabei begibt sich Frau Gaschke von Beginn an auf einen heiklen Pfad, um ihre Thesen zu begründen. Sie stellt nämlich folgenden Zusammenhang her.

Derzeit leben in Deutschland 14 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Davon besuchen eine Million derzeit eine Hauptschule, wovon wiederum 80.000 pro Jahr die Schule abbrechen. Darüberhinaus leben 2,5 Millionen Kinder in Deutschland in Verhältnissen, die man als Armut bezeichnen kann. Frau Gaschke definiert nun die Differenz zwischen den Schulabbrechern und den übrigen in Armut lebenden Kindern als die Gruppe der "Sorgenkinder", denen zuhause keine Werte mehr vermittelt werden und bei denen der Staat quasi als Vorbildgeber einspringen muss.

Glücklicherweise weist Frau Gaschke noch selbst darauf hin, dass Armut nicht gleichbedeutend mit einer wertefreien Erziehung ist. Sehr nachdrücklich ist dieser Hinweis jedoch nicht. Auch andere Aspekte des Aussagezusammenhangs sind zweifelhaft. So wie es die Autorin darstellt, wären also zunächst einmal alle Hauptschüler aus Armutsverhältnissen, sonst könnte es die reklamierte Schnittmenge nicht geben. Das ist schon aus eigener Anschauung zweifelhaft, wenn ich mir nur einmal oberflächlich vor Augen führe, wer aus meiner eigenen Umgebung die Hauptschule besucht. Echte Armutskinder fallen mir da nicht ein. Manche werden von ihren Eltern sogar aus dem einfachen Grund auf die Hauptschule geschickt, weil die hier um die Ecke ist und die Kinder hinlaufen können (was natürlich durchaus im Rahmen der Wertedebatte relevant wäre, aber eben nicht im Zusammenhang mit Armut steht).

Gleichzeitig hinkt die Argumentation dahingehend, als ja nun 1,5 Millionen Armutskinder offenbar nicht die Hauptschule besuchen. Das kann zum einen daran liegen, dass Sie noch nicht schulpflichtig oder noch in der Grundschule sind, zum anderen kann es – und wird es in vielen Fällen – auch bedeuten, dass eben doch Kinder aus Armutsfamilien die Realschule oder das Gymnasium besuchen. Der Zusammenhang zwischen "wenig Geld" und "wenig Bildung" mag zwar gerade bei langjährigen Transferleistungsempfängern tatsächlich bestehen, dies jedoch als Massenphänomen auf alle "armen" Familien auszuweiten, wird der Problemstellung, aber insbesondere auch den betroffenen Menschen nicht gerecht.

Soweit, so schlecht leitet Frau Gaschke dann ihre drei bildungspolitischen Forderungen aus dem falschverstandenen Szenario ab. Bei der nachfolgenden Beschreibung der drei Eckpunkte ist zu berücksichtigen, dass die Darstellung natürlich nach meiner Wahrnehmung des Themas erfolgt und von daher bereits in der Beschreibung wertend sein kann. Wer die Thesen der "Zeit" in Reinkultur möchte, kann die Zeitung noch bis Donnerstag am Kiosk kaufen..

Erste Forderung ist "Schulen stärken". Hauptschulen müssten insbesondere materiell und im öffentlichen Ansehen nach vorn gebracht werden. Direkte Kooperationen mit der Wirtschaft wären wünschenswert. Sprachstandserhebungen und entsprechende Förderung bei Kindern, die dabei durchfallen, sollten obligatorisch werden. Kindergartenbesuch sollte in Maßen zur Pflicht gemacht werden. In einem ersten Schritt sollten alle bereits vorhandenen Modelle des eben genannten katalogisiert und öffentlich gemacht werden. Lehrer sollen sich mehr als Erzieher, Ersatzeltern verstehen und nicht so sehr die Leistungsprüfung in den Vordergrund stellen.

Zweite Forderung ist "Open Your Mind" beim deutschen Mittelstand. Nicht ganz zu Unrecht prangert Frau Gaschke die liberale Doppelmoral der deutschen Bildungsbürger an. Während sie den eigenen Kindern niemals das stundenlange Computergeballer und die unsäglichen Talk- und Soap-Shows im Fernsehen gestatten würden, loben sie diese beiden Medien, wenn es um andere als die eigenen Kinder geht gern als emanzipatorische Medien. Hier sieht Frau Gaschke, sicher zu Recht, Konfliktpotenzial, sollte es zu einer stärkeren staatlichen Beteiligung an der Erziehung der "Sorgenkinder" kommen.

Dritte Forderung ist die Implementation eines Sozialpatenmodells, um den unfähigen Eltern der Sorgenkinder auch noch die letzte Verantwortlichkeit aus den Händen zu nehmen und sie in die Lage zu versetzen, ganztägig vor dem Fernseher zu versacken. Sozialpaten könnten nach Gaschkes Vorstellung Rentner sein, denn davon gibt es mehr zwanzig Millionen, während nur ein bis zwei Millionen Kinder und Jugendliche Hilfe brauchen. Die Sozialpaten sollen den Kindern wieder Werte wie Fleiss, Pünktlichkeit, Ehrlichkeit vermitteln, um sie so aus dem familiären Sumpf zu ziehen, der ansonsten jegliche Zukunftsperspektiven verhindert.

Die erste Forderung ist unterstützenswürdig, alles andere ist sozialromantische Träumerei. Kompletter Unsinn ist zu guter Letzt dann auch Gaschkes Zielvorstellung nach Durchführung aller Maßnahmen. Sie sagt nämlich, dass all dies geschehen solle, damit es mehr Sorgenkinder auf die Universitäten schaffen, weil die heutigen Gebildeten bei der eigenen Familienplanung so zurückhaltend sind, dass in einigen Jahrzehnten eben nicht mehr genug Schlaue da sind. Dann müssen es wohl die weniger Schlauen richten.

An diesem Punkt hätte ich aufgehört zu lesen, wenn der Artikel nicht ohnehin zu Ende gewesen wäre…

(Fotoquelle: www.pixelquelle.de / Fotograf: Claudia35)

Keine Meinungen

  1. Was schreibst Du so viel?Der Link aufhttp://de.wikipedia.org/wiki/Susanne_Gaschkeund die dortigen drei Sätze hätten doch wohl gereicht.Ich schreibe jetzt aber auch Bücher, dabei aus Praxis UND (emp.) Theorie.K. fordert das schon seit Jahren von mir.Dissertation über Kinderliteratur, muhäää … !Sorry, über die Forderungen solcher Leute diskutiere ich nicht mehr; selbst wenn diese die Evaluation von päd./soz. Organisationen einfordern.

  2. Hallo Herr Petereit,zunächst auch von mir ein Lob an die „Zeit“, nun ist es mit der Zeit-ung so eine Sache. Wie der Name „Zeit“ ja schon andeutet, braucht man/frau genau von der selben reichlich, um das sonntägliche Periodikum vollständig zu lesen. Also bin ich eher ein Querleser, was aber auch zu der ein oder anderen Einsicht führen kann. Ohne auf Frau Gaschkes Einsichten und Vorschläge einzugehen, fällt mir sofort der Assoziationsblock: „Armut = Dummheit = Wertemangel“ auf. Sicher ist es so, dass diese Eigenschaften sich gegenseitig bedingen können, sie müssen aber nicht. Schauen wir uns unter unseren Mitmenschen um, so lassen sich viel häufiger ganz andere Kombinationen finden und sich auch mindestens ebenso einleuchtende Kausalketten bilden. Zum Beispiel: Wertemangel = Reichtum oder Dummheit = Werte, etc. usw. Trotzdem werden im Meta?kontext der gesellschaftlichen Debatte Armut, Dummheit und Wertemangel einfach assoziiert – Selbstverständlich von den ökonomisch Priviligierten , die sich so per se Klugheit und Werte/Moralität attestieren. Früher galt die Armut zumindest noch als seligmachend, sogar die Armut im Geiste. Heute führt zwar Nonkonformismus (Zu viele Werte?) immer noch schnell in die Armut, die gilt nun aber als moralisch diskreditierend. Statt dessen werden nun seltsame Haltungen und Normen in den Stand der „Werte“ erhoben. Auf den Bestsellerlisten findet sich „Ein Lob der Disziplin“, natürlich die der anderen, das „Eva-Prinzip“ (Ehe als Prostitution?) und natürlich Herr Matusseks Patriotismus und neuerdings auch sein religiöser Ernst. Also ein restauratives Kompendium an rückbezüglichen Weltanschauungen. Über all diese Atavismen wird dann eine Soße aus „Eigenverantwortlichkeit“ gegossen. Diese sogenannte Eigenverantwortlichkeit funktioniert dabei als „Du bist selber schuld“ und befreit damit die Mitmenschheit von der lästigen Pflicht der Solidarität. Sogar in der Medizin gibt es dieses Phänomen, da firmiert es unter dem Begriff „Psychosomatik“, was auch nur bedeutet, der Mensch ist krank weil mit ihm/seiner Psyche etwas nicht stimmt. Für die Psyche ist allerdings jeder eigenverantwortlich und also selber schuld. Ich attestiere jetzt ganz einfach all diesen Schwadroneuren schlicht Wohlstandsverwahrlosung.Viele Grüße

  3. @Wilhelm: Ich bin halt noch nicht so desillusioniert. Diskursorientiert könnte man auch sagen. Gerade in Bildungsfragen, denn da bin ich Dank Kindersegen sozusagen Betroffener.@CAF: Exakt!

  4. @Dieter: Eben weil ich keine Illusionen mehr habe, bin ich in diesem Sinne desillusioniert. Mit Sozialromantikern, welche ihren Ideen anderen “aufzwingen” wollen, kann und will ich nicht länger diskutieren.Ich vertrete inzwischen Prinzipien wie Disziplin oder Eigenverantwortung – nicht aus Prinzip selbst sondern weil ich die Empirie zwischen unterschiedlichen Idealen bzw. Weltbildern (z.B. Anlage/Umwelt) entscheiden ließ.Mit Schmunzeln denke ich an den alten Coleman Report, welcher die sozialen Ursachen für Schulversagen erbringen sollte und dann genau das Gegenteil (Individuum/Familie) aufzeigte … .

  5. @Wilhelm: Das ist aber (politisch) nicht korrekt so. Du Du!

  6. @Dieter: Politisch gewiß nicht, aber empirisch, und so wohl auch der Psyche des Menschen “angemessen”. 😉

  7. Da es den Artikel nicht online gibt, kann man da leider erstmal nich so viel zu sagen. Es sei denn, man ist bemerkenswerterweise in der Lage, dies nach dem Lesen von 3 Sätzen über die Autorin aus der Wikipedia zu beurteilen.

  8. @Moe:Stimmt, der Text bzw. dessen drei Thesen wurden hier nur kurz wiedergegeben.Aber ein bisserl googeln über Frau Susanne Gaschke, d.h. nach den Inhalten ihrer sonstigen Veröffentlichungen, passen sehr gut in die “Thesen”, welche ich flugs aus den drei Sätzen in Wikipedia abgeleitet habe:”Kinderliteratur” eben.

  9. @Moe: Den Text gibt´s heute noch am Kiosk. Es steht aber drin, was ich bereits schrieb und das übrige Beiwerk macht ihn nicht lesenswerter. Im Übrigen geben Sie mir mit Ihrer Art, sich nicht nur in diesem Beitrag hier an der Diskussion zu beteiligen ein ums andere Mal Rätsel auf. Muss ich einen Text komplett abschreiben, damit ich ihn bewerten darf??

  10. Naja Sie dürfen doch was sie wollen bzw wofür Sie hier bezahlt werden! Dass Sie vielleicht nicht gerne mit Quellen im Web arbeiten und/oder diese nur ungern verlinken macht es schwierig, über Ihre Themen – abseits ihrer persönlichen Meinungen dazu – nachzudenken. Das tun zu können wäre für mich aber letztendlich eine Voraussetzung des diskusiven Elements von Weblogs. Eine Meinung zu einem Artikel wird meiner Ansicht nach um Längen interessanter, wenn man denn auch den Artikel dazu kennt.

  11. Verehrter Moe.Zitat 1: Eines muss man der Wochenzeitung “Die Zeit” schon lassen.Zitat 2: In der Ausgabe 40 aus 2006 findet man denn auch einen Artikel – noch dazu auf der Titelseite..Was ist denn Quellenangabe, wenn nicht das?Für jene, welche gern kostenlos lesen, kann ich derzeit keine Onlinequelle nennen, weil es den Artikel eben noch nicht online gibt.

  12. Ich schrieb nicht, dass Sie hier keine Quelle nennen sondern dass – da es sich um keine Webquelle handelt – der/die LeserIn dieses Blogs nicht nachvollziehen kann, wie Sie zu Ihrer Ansicht kommen. um sich evtl dazu eine eigene zu bilden.

  13. Sozialpaten sind also sozialromantische Träumer? Und Rentner? Ich habe 2005 sieben Monate in einer Hauptschule gearbeitet, als Mentor und Förderlehrer. Übrigens im zarten Alter von 44. Meine Erfahrungen sind sehr gemischt, aber: wenn nicht neben Schule und Elternhaus ein dritter Pfeiler installiert wird, als Hilfsangebot an die Jugendlichen, dann wird es bald sehr düster aussehen. Von zwanzig Hauptschülern schaffen vielleicht drei den Abschluss. Und haben damit noch immer keine Lehrstelle.Aber vielleicht lassen Sie und Frau Gaschke den klugen Worten mal Taten folgen und engagieren sich in der Hauptschule! Oder kurz gesagt: Was geht, digga?

  14. .Nicht Sozialpaten sind sozialromatische Träumer. Frau Gaschke ist eine sozialromantische Träumerin. Schön differenzieren!.Im übrigen sind romantische Träumereien grundsätzlich nichts Negatives. Ich wollte damit also nicht die Idee als solches schlechtreden, sondern lediglich zu Bedenken geben, dass Träume in der Regel Schäume sind..

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