Sind wir (schon) bereit, darüber zu sprechen?

Draussen fallen Schneeflocken, verdichten sich immer mehr, werden für die kommende Nacht den Schneeräummenschen Arbeit beschaffen. Und in einem herrschaftlichen Gebäude auf einer der teuersten Strassen Bostons (Beacon Street) unterhalten sich Exil-Deutsche und Amerikaner mit sehr guten Deutschkenntnissen über Sebastian Haffners http://de.wikipedia.org/wiki/Sebastian_Haffner Geschichte eines Deutschen. Die Erinnerungen 1914-1933, das interessanterweise als Defying Hitler ins Englische übersetzt wurde (in etwa Sich Hitler widersetzen).

Die Erinnerungen lesen sich wie Tagebuchseiten, sind aber von Haffner erst 1938/39 im englischen Exil verfasst worden. Dennoch strahlen sie eine Unmittelbarkeit aus, wie es sonst nur von Tagebüchern und Briefen erzielt wird. Haffner setzt mit seinen Reflektionen zu Beginn des ersten Weltkrieges an, weil es für ihn eine logische Verbindung gibt zwischen der Kriegsbegeisterung derjenigen, die zwischen 1914 und 1918 Kinder waren und der Bereitschaft dieser Generation bei Hitlers Erscheinen auf der Bildfläche sich wieder für einen Krieg begeistern zu lassen. Haffner schließt sich da zunächst nicht aus. Auch er liest die Heeresberichte täglich: „… und ich kam alsbald dahinter, daß hier ein Spiel im Gange war, geeignet, das Leben spannend und aufregend zu machen wie nichts zuvor" (S.19). Verluste waren abstrakt, der Krieg wurde als Sport und Wettkampf zwischen zwei Seiten aufgefasst und von den Jungen nachgestellt.

Seine These, dass die Strukturen, die zum Nazismus führten, schon vor Hitlers Machtergreifung vorhanden waren und (nicht nur) im Untergrund wirkten, zieht sich durch das ganze Buch: „Wenn ich es recht bedenke, muß ich sagen, daß auch die Hitlerjugend damals [1919] schon fast fertig dastand" (39) – Haffner bezieht sich dabei auf die Sportclubs, die die Jugend in ihrer Freizeit organisierten.

Analytische Passagen wechseln sich mit Beschreibungen persönlicher Szenen und Erlebnisse ab. Dadurch erzielt Haffner maximale Aufmerksamkeit beim Leser. Es werden einerseits Leser bedient, die am großen Geschichtsbild interessiert sind und andererseits Leser, die mehr von privaten Erfahrungen angesprochen werden. Am beeindruckendsten sind seine Beobachtungen aus dem Jahre 1923, dem Jahr der großen Inflation, in dem alle alten Werte der Ordnung und Moral verworfen wurden und einem fieberhaften Lebenshunger der Jugend wichen. Die Jungen, die ohne Bedenken ungeheure Summen Geldes in Geschäfte investieren konnten, waren die Sieger, die Reichen, emporgekommen in Windeseile. Die Alten, die sich an ihre Geldscheine und Erfahrungen klammerten, hatten das Nachsehen. Eine Zeit, in der die Kinder nicht von den Eltern lernen konnten.

Haffner findet neue Worte für das Grauen, bezeichnet die Zeit der Hitlerbegeisterung als „kollektiven Nervenzusammenbruch" (S. 123) und das Jahr 1923 als „gigantischen karnevalistischen Totentanz" (54). Es ist ein Vergnügen, seine Beschreibungen zu lesen, das Leben dieser Jahre des vergangenen Jahrhunderts entwickelt sich plastisch vor meinen Augen.

Womit ich Probleme hatte, waren seine Pauschalurteile über die Deutschen. Gut, in der Zeit, in der er das Manuskript verfasste, gab es auch kein gutes Haar an seinen Mitmenschen zu finden, aber Haffner berichtigt oder ergänzt seine Aufzeichnungen später auch nicht mehr wir haben es den Nachforschungen seiner Kinder zu verdanken, dass diese persönlichen Seiten nach Haffners Tod veröffentlicht wurden). So sind die Deutschen auf ewig gezeichnet von „blindem Gehorsam" und „haben keine Zivilcourage" – sicher bin ich nicht die Einzige, die sich darin nicht wiederfindet.

Sebastian Haffner

Geschichte eines Deutschen. Die Erinnerungen 1914-1933

4. Auflage Januar 2006, Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co., München, 9.50 Euro

(es ist am besten sich eine Ausgabe zu beschaffen, die nach 2002 veröffentlicht wurde, weil ab dann wiedergefundene Seiten des Manuskriptes eingearbeitet worden sind)

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http://www.amazon.de/Geschichte-eines-Deutschen-Erinnerungen-1914-1933/dp/3423308486/ref=pd_bbs_sr_1?ie=UTF8&s=books&qid=1203962918&sr=8-1

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