Schule – Private Schule oder die staatliche Schule?

Doch obgleich die Privatschulen einen erheblichen Kostenmehraufwand für Familien darstellen, ist seit 1992 die Zahl der Privatschüler in Deutschland um 51 % gestiegen. Inzwischen verweigern auch immer mehr Eltern des Mittelstandes dem staatlichen Bildungssystem ihren Nachwuchs und suchen nach exklusiven Lernangeboten, denn die Angst um die Zukunft der eigenen Kinder sitzt tief. Fallbeispiele wie zuletzt die Rütli-Schule im Berliner Bezirk Neukölln führen zu dem Schluss, das sauer Ersparte besser in die Bildung der Kinder zu investieren, als z.B. in ein Eigenheim oder den schicken Zweitwagen. Das Vertrauen in staatliche Schulen ist nachhaltig gestört. Überforderte Lehrer, aggressive Kinder, Unterrichtsausfälle und ein veraltetes Schulsystem, in dem nur sehr einseitig auf Noten gestarrt wird und dem jede Innovation abgeht, schüren die Ablehnung verantwortungsbewusster Eltern. Ein System, das bereits in der Grundschule massiven Leistungsdruck auf Kinder ausübt, da schon hier festgelegt werden muss, welcher Schulabschluss der richtige ist und welche Berufswahl dem Kind damit offen steht, stößt auf wachsende Zweifel, die durch die Ergebnisse der PISA-Studie hinreichend bestätigt werden. Man sollte vermuten, dass ein derart schlechtes Abschneiden der deutschen Schulen endlich zu einem allgemeinen Umdenken in der Bildungslandschaft führt. Doch weit gefehlt. Kürzlich sorgte gar die Kritik des UN-Bildungsexperten Vernor Murioz für äußerst beschämende und uneinsichtige Reaktionen seitens der deutschen Kultusminister. Murioz stellte bei einer mehrtägigen Reise durch Deutschland fest, dass an deutschen Schulen Migrantenkinder und Kinder aus armen Familien kaum Chancen hätten, bei der frühen Aufteilung auf unterschiedliche Schultypen blieben sie regelmäßig auf der Strecke. Die uneinsichtigen und abwiegelnden Reaktionen der Kultusminister zeugen hier von falsch verstandenem Stolz. Die Regierung hält am längst überholten starren dreigliedrigen Schulsystem fest, zeigt sich damit chronisch beratungsresistent, und das, obgleich eine Vielzahl anderer Länder, wie z.B. Finnland mit gutem Beispiel vorangehen und zeigen, wie es besser zu machen ist. Sogar im eigenen Land gibt es Vorzeigemodelle, denen der Erfolg recht gibt: Die beiden wohl profiliertesten deutschen Reformschulen, die Laborschule in Bielefeld und die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden warteten bei der PISA-Studie überraschend mit Traumnoten auf. Und auch private Hauptschulen, wie z.B. die katholische Bodensee-Schule St. Martin in Friedrichshafen überzeugen mit Erfolgen: Die Hälfte der Schüler besucht nach der neunten Klasse die hauseigene Realschule, ein Viertel beginnt eine berufliche Ausbildung. Aus dem aktuellen Jahrgang hat jeder Schüler den Abschluss geschafft, während im Bundesdurchschnitt zehn Prozent der Hauptschüler ohne Abschluss abgehen.

Inzwischen schießen Privatschulen in Deutschland wie Pilze aus dem Boden und müssen sich um regen Zulauf keine Gedanken machen. Hierbei geht es allerdings nicht nur um den Wunsch nach einem moderneren und kindgerechteren Bildungskonzept. Es mehrt sich auch die Anzahl bildungsnaher Familien, die private Schulen bevorzugen, damit sich ihre Kinder nicht mit Mitschülern aus bildungsfernen Familien auseinandersetzen müssen. Hier wird ein sozialer Keil in die deutsche Bildungslandschaft getrieben und die Regierung sieht tatenlos zu. Warum? Liegt ein Grund vielleicht in der enormen Steuereinsparung, die private Schulen mit sich bringen? Schließlich gibt der Staat jährlich 45,7 Milliarden Euro für staatliche Schulen aus, für die Privatschulen gerade einmal 2,8 Milliarden. Unter diesem Aspekt ist ein sprunghafter Anstieg der Privatschulen in Deutschland wohl eher wünschenswert.

Die Schuld für die Entwicklung einer Zwei-Klassen-Bildungsgesellschaft ist jedoch sicherlich nicht bei den Privatschulen zu suchen. Sie sind nur Symptom dessen, woran unser Bildungssystem krankt. Und der Erfolg gibt Ihnen recht: Die freie Auswahl der Lehrer, die in einem nicht- beamteten Arbeitsverhältnis stehen und daher auch nicht Gefahr laufen, aufgrund der Unkündbarkeit in eine „Joblethargie" zu verfallen, ein individuell gestalteter Unterricht und das Ausprobieren pädagogischer Innovationen – all das trägt in erheblichem Maße dazu bei, die Kinder in modernster Weise auf die Anforderungen vorzubereiten, die im späteren Berufsleben an sie gestellt werden. Dabei garantiert gezielte Förderung schwächerer Schüler Chancengleichheit – ein Punkt, der im Konzept staatlicher Schulen sträflich vernachlässigt wird. Nicht umsonst liegt der Anteil der Privatschüler mit Fachhochschulreife oder Abitur in den meisten Bundesländern höher als der staatlicher Schüler von Gymnasien oder Gesamtschulen. Der Fairness halber sei hierzu angemerkt, dass Privatschüler meist aus bildungsnahen bürgerlichen Haushalten stammen, in denen die Kinder auf ein breites, familiär vermitteltes Wissen zurückgreifen können.

Doch was ist mit den Kindern bildungsferner und / oder finanziell schwächer gestellter  Familien, die es sich nicht leisten können, ihr Kind an einer Privatschule anzumelden? Sind diese Kinder auf ihrem beruflichen Lebensweg von vorne herein zum Scheitern verurteilt? So extrem kann man es sicher nicht darstellen. Dennoch sprechen auch hier bereits die Zahlen für sich. Laut des Hannoveraner Hochschul-Informations-Systems HIS nehmen 95 % der Beamtenkinder, von denen mindestens ein Elternteil einen akademischen Abschluss hat, ein Studium auf, während es unter den Arbeiterkindern nur 17 % sind. Und auch der jüngste OECD-Bildungsbericht hat erneut belegt, dass die Bundesrepublik mit ihren im internationalen Vergleich dürftigen Abiturientenzahlen einem dramatischen Fachkräftemangel entgegensteuert. Um dies zu ändern, müssten aus bildungsfernen Schichten durch mehr soziale Förderung „Begabungsreserven" erschlossen werden. Bisher hat der Staat hierzu keinerlei Lösungsvorschlag, und so steht bis auf weiteres der Bildungserfolg in direkter Abhängigkeit zur familiären Herkunft – ein wahrhaftes Armutszeugnis für einen Sozialstaat mit weit reichenden Konsequenzen: Der wichtigste Rohstoff unserer Wirtschaft ist Wissen und schon jetzt herrscht in Deutschland eine Rohstoffknappheit, die bald ganze Branchen lahm legen wird. Bereits jetzt fehlen tausende Absolventen in Bereich Ingenieurwissenschaften und dieser Trend wird in nicht allzu ferner Zukunft weitere Berufszweige erfassen.

Um Chancengleichheit zu garantieren und die weitere Ausbildung eines Zwei-Klassen-Bildungssystems zu verhindern, sollten staatliche Schulen ihr Unterrichtskonzept dem privater Schulen angleichen können z.B. durch zweisprachigen Unterricht oder durch Anbieten eines internationalen Abschlusses. Autonomie und mehr pädagogische Innovationskraft würden darüber hinaus dazu führen, dass sie sich gegen Privatschulen in einem fairen Wettbewerb behaupten können. Voraussetzung hierzu wäre jedoch eine einheitliche Finanzierung staatlicher und privater Schulen, wobei das Schulgeld entfallen würde. Somit wäre eine Koexistenz beider Schulformen garantiert.

Die Regierung hat es versäumt, ein Schulsystem, das vor einigen Jahrzehnten sicherlich seine Berechtigung hatte, heute aber wohl eher ein Relikt aus Zeiten der Ständegesellschaft darstellt, den Gegebenheiten und Ansprüchen einer modernen, multikulturellen und globalisierten Gesellschaft anzupassen. Den jugendlichen Schulabgängern fehlen daher entsprechende Qualifikationen, um sich im internationalen Vergleich auf diesem Parkett behaupten
zu können. Daher sollten Privatschulen nicht als Bedrohung oder willkommener Ersatz für das staatliche Schulsystem angesehen werden, sondern als Ansporn, weit reichende Änderungen einzuläuten, um jedem Kind – unabhängig vom sozialen Status – die bestmögliche Bildung mit auf den Lebensweg zu geben.

Keine Meinungen

  1. Interessant in diesem Zusammenhang ist auch das niederländische Schulmodell. Dort sind die staatlichen Schulen selbstverantwortlich und stehen im Wettbewerb untereinander. Sie sind staatlich und können doch die Vorteile der Privatschulen nutzen (Finanzen, Lehrplan, Bildungsinnovationen – siehe Hartmut von Hentig und die von Ihnen angesprochene Laborschule in Bielefeld).

  2. Das kann ich nur unterstützen! Die Eliten sichern sich seit jeher ab und lassen kaum jemanden in ihre Kreise. Das wird sich durch neue Privatschulen kaum ändern.Schade nur, dass es in den Köpfen vieler Politiker und Kultusminister eine “Veränderungssperre” zu geben scheint, die auch gegen neue Konkurrenz resistenz sein wird und nur den Niedergang beklagt, ohne etwas zu ändern.

  3. Irgendwie steckt doch das ganze Schulsystem in der Misere. Den Schulen fehlen die Mittel und Schüler haben reihenweise null Bock, etwas zu lernen. Dabei sollte man die Schuld nicht gänzlich beim Bildungssystem oder dem Staat suchen, sondern auch mal die Eltern einbeziehen, denen die Pflicht der Erziehung als erste obliegt. Bei dem Desinteresse, welches Eltern heutzutage der Bildung ihrer Kinder gegenüber an den Tag legen, ist diese Entwicklung doch nicht weiter verwunderlich.

  4. das beste ist ja immerhin noch in Österreich oder schweiz.. weiß nicht mehr ganz wo, aber dort kann man seine Kinder selbst zuhause Lehren…^^

  5. Selber zu Hause??? Ah ne…Bitte nicht!! Was können die Eltern, die z.B. als einzelhandelkaufmänner arbeiten dem Kind beibringen???? Dafür gibt es Pädagogen)))

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