Riskante Moderne

Dass er einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde, verdankt Paul Nolte durchaus auch Harald Schmidt. Der griff nämlich in seiner Late Night Show einen Begriff aus Noltes Buch Generation Reform auf: „Unterschichtfernsehen“. Mit dieser abschätzig gemeinten Bezeichnung verhöhnte Schmidt seinen früheren Arbeitgeber SAT.1.
 
Das Interesse am Autor war damit schlagartig geweckt. Selbst in die Bildungsbürger-Talkshow 3nach9 lud man den jungen Star-Professor ein. Dort trug er seine provokanten Thesen unbeirrt vor. Die moderne Gesellschaft sei eine „Klassengesellschaft“, von Spaltungen und Spannungen nur so gezeichnet, ob man es nun wahrhaben wolle oder nicht. Sein Rezept gegen die schlimmsten sozialen Verwerfungen: Die Mittelschichten müssten sich stärker engagieren, etwa in Bürgerinitiativen oder in karitativen Einrichtungen. Der Sozialstaat könne nun mal nicht alles allein regeln. Die Gesellschaft selbst sei gefordert. Jeder Bürger. Jede Bürgerin.
 
Dieser Professor hat ein ernstes Anliegen, das wird schnell klar. Der mischt sich ein in den Debattierbetrieb – ganz anders als die meisten seiner Professorenkollegen, die sich in ihren akademischen Zirkeln eingeigelt haben, fernab von jedweder öffentlichen Aufmerksamkeit.
 
Jetzt hat Paul Nolte mit einer neuen Publikation nachgelegt: Riskante Moderne, so der wunderliche Titel, der einer Tautologie gleichkommt. Dass die individuelle und kollektive Lebensführung in der modernen Gesellschaft mit Risiken behaftet ist, dürfte eine Binsenwahrheit sein. Aber genau diesen Umstand, dass die Gesellschaft insgesamt entscheidungsabhängig geworden ist, durchwirkt mit Kontingenzen und Unwägbarkeiten, will er in Erinnerung rufen. Seiner Meinung nach müssen die Deutschen endlich lernen, mit den Herausforderungen der Moderne verantwortungsbewusst umzugehen, jeder für sich und alle zusammen als Gemeinschaft. Wir sollten langsam mal der Realität des neuen Kapitalismus ins Auge sehen. Sich zu verweigern und in eine private Nische zurückzuziehen ist keine zukunftsträchtige Option. Nolte empfiehlt, die Moderne mit all ihren Risiken „wiederzugewinnen“.
 
Seinen Beobachtungen zufolge scheinen die Deutschen generell ein Problem mit dem Kapitalismus zu haben. Sie begreifen die marktlichen Spielregeln im Alltag nicht, sie missverstehen ihre individuelle Rolle im gesellschaftlichen Ganzen. Die Bürgerinnen und Bürger sehen sich zu sehr als Leistungsempfänger mit großen Erwartungen an den Staat, zu wenig als Leistungserbringer, als Investoren in die eigene Person, in die Gemeinschaft, letztlich in die Zukunft aller, die nur in einer mittelschichtgeprägten Bürgergesellschaft solidarisch gestaltet werden kann.
 
„Bürger sein heißt, Verantwortung zu übernehmen“, für sich und für andere – erfüllt vom republikanischen Geist, patriotisch, an universellen Werten orientiert, arbeitsam und mit Gespür fürs (ökonomisch) Machbare. Das ist die lebenspraktische Lektion, die Nolte den Deutschen erteilt.
 
Das Leidbild der restituierten Bürgergesellschaft ist das der „Investition“. O-Ton Nolte: „Eine ‚Investive Gesellschaft’, das ist eine Gesellschaft, die in bürgerlicher Selbstverantwortung ebenso wie in gemeinschaftlicher Solidarität ihre Ressourcen mobilisiert, ob es sich um materielle oder soziale oder moralische Ressourcen handelt; eine Gesellschaft, die Vorleistungen erbringt, um später die eigenen Chancen, die Chancen der anderen und die Chancen einer größeren Gesamtheit zu vermehren und nachhaltig zu sichern.“
 
Fazit: Ähnlich wie Generation Reform liefert auch der neue Schmöker eine Fundgrube an Visionen, Ideen und Vorschlägen, wie der gesellschaftlichen Selbstblockierung begegnet werden könnte. Allerdings verzichtet Nolte auf tiefschürfende Analysen und eine empirisch gehaltvolle Untermauerung seiner Thesen. Statt wissenschaftlich seriös zu argumentieren, setzt er auf Feuilletonismus. Er will letztlich nicht erklären, sondern „erziehen“, den Bürgerinnen und Bürgern Mut zusprechen. Seine Ausführungen sind unterschwellig „moralisierend“, versehen mit zahlreichen Appellen, mehr Eigeninitiative zu entwickeln und Gemeinsinn zu zeigen. Man muss es so deutlich sagen: Riskante Moderne ist lediglich ein lauwarmer Aufguss seiner wirklich lesenswerten Essaysammlung Generation Reform.
 
 
Paul Nolte: Riskante Moderne
Die Deutschen und der neue Kapitalismus
C. H. Beck Verlag
München 2006

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