RISIKO – Weltpolitik als Spiel

Lassen wir den Krieg der Kulturen, Neokolonialismusvorwürfe und das antisemitische Gepöbel des iranischen Präsidenten hinter uns. Die „Gut oder Böse“-Perspektive ist nicht gefragt, wenn um die Weltherrschaft gespielt wird. Als Ratgeberliteratur sind dann Clausewitz, Sunzi und Machiavelli die erste Wahl. Koran, Bibel, und UN-Charta liefern nur Argumente zur emotionalen Legitimation der notwendigen Aktionen.
 
Wie im  Spielklassiker RISIKO ist Asien „Gelb“ ein strategisch bedeutendes Gebiet. Asiens Ressourcen ermöglichen seinen potenziellen Beherrschern die globale Dominanz, allerdings ist der Riesenkontinent, in Realität und Spiel, in viele Länder zersplittert und hat ebenso viele Außengrenzen. Erst eine Bedrohung durch andere Mächte bringt den Koloss zur Kooperation.
 
Diese Bedrohung bildet im Spiel meist der nordamerikanische Kontinent „Blau“, mit nur wenigen Außengrenzen „gehandicapt“, bildet dieser blaugefärbte Teil des Spielbretts eine zuverlässige und leicht zu verteidigende Operationsbasis, um ausgreifende Unternehmungen in anderen Teilen des Spielfeldes zu ermöglichen.
 
Im Spiel stellt das Feld „Mittlerer-Osten“ eine Schlüsselposition dar. Von diesem Gebiet aus lassen sich gegnerische Machtkonstellationen in Afrika, Europa und Asien empfindlich stören. Für die „Blauen“  ist eine Operationsbasis auf diesem Feld äußerst wertvoll, um aufsteigende Mächte sofort in ihrer Entfaltung zu stören.
 
Irgendwie kommen mir diese Konstellationen bekannt vor und unter RISIKO-spielstrategischen Überlegungen würde folgendes Realereignis dem Aufbau einer „Gelben“ Gegenposition dienen:
 
SCO ist das Kürzel für die Shanghai Cooperation Organization. Am 15. Juni 2001 als Joint Partnership zwischen Russland und China gegründet, ist die SCO eine zwischenstaatliche Organisation, die ursprünglich aus China, Russland, Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan und Usbekistan bestand. Kürzlich wurde angekündigt, dass jetzt der Iran, Indien, die Mongolei und Pakistan Vollmitglieder der SCO werden sollen. Auch dem Iran wird also die SCO-Mitgliedschaft angetragen und „Gelb“ erweitert damit seine Spieloptionen enorm. Möglicherweise; Nein, aus Sicht eines RISIKO-Spielers ganz sicher; werden alle Mitglieder der SCO incl. China und Russland bei diesem Gipfeltreffen am 15. Juni in der iranischen Atom-Frage eine gemeinsame Haltung einnehmen. Der iranische Vizeaußenminister, Mohammadi, sprach Ende April davon einen iranisch-russischen ”Gas- und Öl-Bogen” zu bilden. Die Erweiterung der SCO könnte jetzt die gesamte Strategie der „Blauen“ im Nahen Osten blockieren. Mit Russland und China als geopolitischem Schutz wäre der Iran sicher. Zudem wären Russland und China durch die SCO und den Iran bis an die irakische Grenze vorgerückt. Damit hat auch „Gelb“ den gestiefelten Fuß in der Tür des „Mittleren Ostens“.
 
Spiel und Realität folgen offenbar ähnlichen Regeln und die Analogien lassen sich auch bis Lateinamerika („Grün“) ausweiten. Während die „Blauen“ Kräfte im Konflikt mit den „Gelben“ gebunden sind, wittert „Grün“ seine Chance und sucht die Konfrontation mit „Blau“. Tatsächlich hat ein politischer Linksruck in den südamerikanischen Staaten stattgefunden und Venezuela steuert auf eine offene Konfrontation mit den USA zu. Wie im Spiel, flirten sich die Provokateure Ahmadinedschad und Chávez fröhlich zu. Weltanschaulich könnten die beiden Spieler nicht unterschiedlicher sein, aber der gemeinsame Gegner läßt solche Petitessen leicht vergessen. Die „Gelben“ Vormächte China und Russland statten selbstverständlich beide Unruhestifter reichlich mit Waffen und Militärtechnik aus. Seltsame Geschäfte […..]
 
Die „Gelben“ wissen, dass „Blau“, wenn es auf die iranische Provokation eingeht, in einen endlosen und kräfteverschleißenden Krieg verwickelt wird. Ohne Bodentruppeneinsatz wird die Auseinandersetzung nicht zu entscheiden sein. Um so ein „Overstretched Engagement“ zu vermeiden, spielen die „Blauen“ bereits gedanklich mit der nuklearen Option.
 
Aber sollte sich „Blau“ dazu entscheiden, Atomwaffen einzusetzen, dann ist „Gelb“ der eigentliche Profiteur dieses Tabu-Bruchs. „Blau“ würde zu einer Paria-Nation, politisch, wirtschaftlich und monetär von allen gemieden.
 
Wie sieht der nächste Zug der „Blauen“ aus? Immerhin hat „Blauen“-Präsident Bush nun wenigstens Sunzis „Kunst des Krieges“ im Bücherschrank. Zitat Sunzi: „Wenn du den Feind und dich selbst kennst, brauchst du den Ausgang von hundert Schlachten nicht zu fürchten.“ Chinas Präsident Hu hat ihm das 2500 Jahre alte Büchlein bei seiner letzten Visite als Gastgeschenk mitgebracht, vielleicht hilft es ja, aber wem? Chinesische Gastgeschenke sind selten bedeutungslos, was hat Hu mit dem Mitbringsel wohl sagen wollen? War das eine verdeckte Warnung vor einer weiteren Eskalation der Irankonfliktes?
 
Und Europa? Wie im Spiel ist es zersplittert und versucht sich im Schatten der großen Blöcke durchzulavieren. Im Spiel endet das meist im Untergang einer unabhängigen Position, denn sobald die „Gelben“ oder „Blauen“ konsolidiert sind, weiten sie ihren Einfluss kompromisslos auf Europa aus.



Die Chefarztfrau

3 Meinungen

  1. Interessante Überlegungen! Passend dazu hab ich grade einen Text über Theorien der Internationalen Beziehungen gelesen, der ähnliches zu Tage fördert – aber auch Bruchstellen deutlich macht.Das sich früher oder später gegen die USA eine Gegenmacht bilden würde, wissen die „Realisten“ schon lange. Fraglich ist nur noch wann, wer und wie dies geschehen wird bzw. wer sich daran beteiligt. Asien scheint da ja, nicht nur aus RISIKO Überlegungen heraus, der primäre Kandidat zu sein. Also USA vs. Asien bzw. SCO.Moment schreien da die Konstruktivisten (Idealisten) Bündnisse und Koalitionen halten auf Dauer nur, wenn gemeinsame Werte und Normen als Grundlage dienen – reine Gegenmachtbildung ohne ideeles Fundament währt nur kurz. Dies würde also gegen eine dauerhafte Gegenmacht Asien sprechen in welcher so unterschiedliche Länder wie Russland (semi-diktatorisch), Indien (Demokratie), Iran (Theokratie) und China (kommunistische Diktatur) vereint wären. Also Gegenmacht ohne Ausdauer – ähnlich wie in Mittel- und Südamerika? Denn das diese Länder (Mittel- und Südamerika) langfristig zu einer Gegenmachtbildung willens und fähig sind nimmt niemand wirklich ernst. Die USA ärgern, okay, aber ernsthafte Gegenmachtpolitik – never! Afrika spielt, ähnlich wie beim Brettspiel, in der Weltpolitik nur eine untergeordnete Rolle. Bleibt noch Europa. Werden die Konstruktivisten sagen: Seht her, eine Koalition (EU/NATO) die auf ideelen Werten beruht und deren Existenz selbst das Ende des Ost-West-Konfliktes überlebte – äußerst stabil also. Gegenmachtbildung zur USA ist zwar nicht ganz ausgeschlossen, wäre aber teuer (Militär) und wird auf Grund der eher atlantisch ausgerichteten Staaten (GB, Osteuropa) kaum stattfinden. Europa allein ist, nach reinen Machtaspekten bewertet, zu schwach und immer noch zu zersplittert um eine Führungsrolle in der Welt spielen zu können. Bleibt also nur die Anlehnung an die USA – ähnlich wie jetzt auch schon.Also USA+Europa vs. Asien/China? Selbst da habe ich meine Zweifel.

  2. Hallo Martin,ich stimme Dir zu, das „SOC-Asien“ ist ja das direkte Gegenteil von homogen und von interne Konflikten zerrissen. Allerdings schätze ich China schon als aussichtreichsten Kandidaten auf eine Weltmachtposition. Das Adjektiv „kommunistisch“ darf man nicht wirklich ernst nehmen, vielmehr ist die VRC ein autoritär-konfuzianistisch geführter Staat mit Führern die in historischer Perspektive denken, ob sie danach handeln sei mal dahingestellt. Nun gut, wir werden sehen. Südamerika ist/war ja immer nur eine Ansammlung von Diktaturen wechselnder Couleur. Castro, Peron, Chavez…div. Fascho-Generäle, alles Narzissten, denen vor allem das eigene Ego am Herzen lag/liegt und natürlich der ökonomische Erfolg der Familie, Klientel….Für uns Europäer ist eine enge Freundschaft/Zusammenarbeit mit den USA der einzige reale Weg. Wichtig ist aber das EU-Europa handlungsfähig wird, also auch eine Einigung auf politischer Ebene weiter vorangetrieben wird. Wenn wir „arroganten“ Europäer eine Prämisse haben sollten, dann ist das m.M. das Legalitätsprinzip in der internationalen Politik, also etwas richtiggehend „Europäisches“: Legalismus als Kulturgut.Eine erprobte idealistische Grundlage haben die Europäer wohl wirklich mit den USA gemeinsam, im Rahmen solcher grundsätzlicher Verbundenheit muss aber auch Kritik möglich sein..Ich bin weder Pazifist noch Antiatlantiker…….(Man wird schnell missverstanden,wenn man die derzeitige US-Politik kritisch betrachtet.)Ciao Alex

  3. Beim Thema Südamerika kann ich dir nur zustimmen. Obwohl man mittlerweile auf einem recht guten Weg ist. Sieht man mal von den Verstaatlichungsbemühungen und Linkspopulisten a la Chavez ab. Sollten sie jedoch ihre Macht friedlich abgeben und die Demokratie erhalten bleiben, kann und wird sich Südamerika wohl recht ordentlich entwickeln – von Weltpolitik ist man trotzdem noch meilenweit entfernt.Im Bezug auf China hast du Recht, dass das Adjektiv „kommunistisch“ mittlerweile wohl nur noch dazu dient, den Machtanspruch der KP zu sichern. Ansonsten befindet man sich auf dem direkten Weg in den Kapitalismus bzw. ist schon angekommen. Allerdings ohne die Errungenschaften die in Europa damit einhergingen (Rechtsstaatlichkeit, Eigentum, Bürgertum usw.). Mit diesen fehlenden Entwicklungen wird m.E. China auch noch einige Probleme bekommen. Zwar mag es den Küstenregionen gut gehen, den 800 Millionen Menschen auf dem Land hingegen geht es erbärmlich schlecht. Zudem haben sie kein Ventil (Wahlen, Meinungsfreiheit etc.) um ihren Frust zu artikulieren. Deswegen glaube ich nicht so recht an die zukünftige Weltmacht China. Dann eher Indien (demokratisch) als Supermacht der Zukunft – und mit Indien haben die USA ja gerade einen Deal gemacht. Der könnte sich in Zukunft als ziemlich weitsichtig rausstellen.Und was Europa betrifft: eine weitere Vertiefung der Integration ist wünschenswert und wird über kurz oder lang auch kommen. Die Verbundenheit mit den USA wird auch bestehen bleiben und Kritik gehört zu einer Partner/Freundschaft natürlich auch, ja muss sogar sein, um den anderen auf Fehler aufmerksam zu machen. In diesem Sinne: auf einen kritischen transatlantischen Dialog.

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