Passiv oder aktiv? Das passive Abseits sorgt für Ärger

Der Fußball hat sich nicht zuletzt aufgrund des simplen Regelwerks zur mit Abstand beliebtesten Sportart der Welt entwickelt. Die Abseitsregel bildet aufgrund Ihrer Komplexität eine der wenigen Ausnahmen und hat den Platz am Fußballstammtisch seit jeher reserviert. Die “Abseitsstellung ohne Regelverstoß”, im Volksmund das passive Abseits, sorgt vor allem in dieser Bundesliga-Saison 2011/12 für reichlich erhitzte Gemüter – Grund genug, die Problematik einmal genauer zu betrachten.

Wann soll gepfiffen werden?

Solange ein im Abseits stehender Spieler weder direkt noch indirekt ins Spiel eingreift, sollte die Pfeife stumm bleiben.

  • Ein direktes Eingreifen ist dann zu ahnden, wenn klar ersichtlich wird, dass nur der im Abseits befindliche Spieler eine realistische Chance auf den Ball hat – bei mehreren relevanten Spielern wird zunächst abgewartet, wer sich den Ball schnappt.
  • Ein indirekter Eingriff besteht, wenn ein Defensivspieler am Spielen des Balls behindert wird oder des Torhüters Sicht eingeschränkt wird.

Abseits ist, wenn der Schiedsrichter pfeift

Falls sich ein im Abseits stehender Spieler zunächst aus einer Aktion heraushält und während einer daraus folgenden neuen Spielsituation wieder aktiv ins Geschehen eingreift, bleibt die Pfeife stumm.
Demnach muss der Schiedsrichter hier abwägen, ob eine neue Spielsituation entstanden ist oder nicht. Genauso muss er einschätzen, ob ein Spieler durch Behinderung indirekt ins Spiel eingreift. Um hier optimal entscheiden zu können, müsste er die subjektive Wahrnehmung des Spielers objektiv einschätzen können. Als gutes Beispiel für die Kniffligkeit dieser Entscheidung dient der vermeintliche Ausgleich von Hannovers Pinto gegen Köln am 9. Bundesligaspieltag der Saison 2011/12. Das erste Video zeigt die Zusammenfassung der Spielhöhepunkte und das zweite die Stimmen zum Spiel, wobei natürlich nur die erste themenrelevant ist.

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Schiedsrichter tragen eine große Verantwortung

Lange Rede, kurzer Sinn: Ein Schiedsrichter trägt eine große Verantwortung und Fehler können und werden weiterhin spielentscheidende Situation heraufbeschwören. Doch an dieser Stelle kann man sich auch folgende Fragen stellen: Welche Entscheidungen unterliegen nicht des Schiedsrichters subjektiver Wahrnehmung und welche Entscheidung hat demzufolge keinen spielentscheidenden Charakter? Antwort: natürlich gar keine Entscheidung! Doch wenn dem Gegentreffer der Lieblingsmannschaft eine passive Abseitsstellung anstelle einer falsch gegeben Ecke vorausgeht, bleibt das viel länger im Kopf. Man würde sich in einem solchen Fall auch nicht über die Eckballregel aufregen, die “gibt's ja schon immer”.

Gibt es sinnvolle Alternativen?

Um Alternativen zum umstrittenen passiven Abseits ist es rar bestellt – nicht umsonst hat sich die FIFA trotz langjähriger sowie flächendeckender Kritik noch nicht zu einer allgemeingültigen Regeländerung durchringen können. Sepp Blatter und Gefolgschaft schlichtweg mangelnden Reformwillen vorzuwerfen, wäre zu einfach. Dennoch hört man in aller Regelmäßigkeit Trainer und andere Verantwortliche über die derzeitige Regelung meckern, ohne jedoch selbst eine bessere Lösung parat zu haben.
Würde man das Abseits ganz weglassen, würden sämtliche aktuellen Taktik-Konzepte über den Jordan geworfen werden. Wie beim Schulsport würde die Devise “Standfußball” heißen und lange Bälle würden zum neuen Charakteristikum einer ganzen Sportart. Die damit einhergehenden Risiken würden die gigantische Fußballindustrie maßgeblich schwächen – und was läge der FIFA ferner, als etwas Derartiges zu ermöglichen.
Wenn man das passive Abseits gänzlich eliminieren würde, müsste man demzufolge jede Abseitsstellung pfeifen. Darunter leiden würde ausschließlich die Attraktivität des Spiels, da der Spielfluss ob der vielen Pfiffe arg ins Stocken geraten würde.

Wenn man diese beiden Szenarien mal durchspielt, wird einem die positive Wirkung der “Abseitsstellung ohne Regelverstoß” immer bewusster. Ich persönlich finde das passive Abseits akzeptabel, da es (bisher) keine bessere Regelung gibt. Letzten Endes wird es immer auf die subjektive Regelauslegung des Unparteiischen ankommen. Das diese Entscheidung nicht jeder so getroffen hätte, liegt in der Natur der Sache und sorgt für Emotionen. Und seien wir mal ehrlich: Was wäre Fußball, wenn man ihn der Emotionen berauben würde?

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