Moritz von Uslar: Waldstein oder der Tod des Walter Gieseking am 6. Juni 2005

Gieseking ist mit der Ex-Freundin seines coolsten DJ-Freundes
José zusammen. Sie heißt Ellen, eine Adelige von Galgern (Galgen?), deren
einzige Bestimmung es ist, schön zu sein und sonst nichts zu tun (na ja, ganz
so platt ist es auch wieder nicht …).

„Seinen Freunden hatte
Gieseking Ellens Beine, als er sie um vier Uhr früh in einer Berlinger Küche
mit einem Rest Wodka im Glas zum ersten Mal erblickte, als Charakterbeine
beschrieben, und tatsächlich, es waren mehr als wohlgeformte Beine, kluge,
kultivierte, gebildete Beine, gewachsen im Schutz einer Jahrhunderte alten
gesellschaftlichen Vormachtstellung, einer lässig zur Schau gestellten
Kunstbeflissenheit und eines konfus elitären Anspruchs, der da besagt: Männer
denken mit dem Kopf, Frauen mit den Beinen. Uns ging es immer gut, uns wird es
auch in Zukunft besser gehen. Im Folgenden: Gedacht und geschaffen haben unsere
Vorfahren genug, wir reichen dieses Gut nur weiter. Aha! Also gut. Alle Achtung.“

Um irgend so etwas auszuprobieren wie Kompromisse machen oder
auch nicht, Fischstäbchenessen mit oder ohne Kerzen und aneinander oder doch
nur an sich selbst berauschen, verbringen die Beiden die Wochenenden in Waldstein,
fernab von dem Moloch Großstadt, in der schönen erbaulichen Natur, dem „idealen
Abseits
“. Doch die Waldflucht gerät schnell zur Spießertour. Und weil
Spießigkeit gar nicht geht, werden Fragen wie „Bist du
eigentlich so, wie du dir eine Frau vorstellst?
“ (Gieseking zu Ellen) und „Bei
meinem Kuss empfindest du aber schon etwas, oder?
“ (Ellen zu Gieseking) vom Zaun
gebrochen.

„Was fand hier statt? Weshalb sollte das ausgerechnet der Moment
sein? Wo wurden diese Dinge entschieden? Könnten Sie, mein Herr, mir bitte
verraten, wie die Logik der scheußlichen Katastrophe hier bitte zu unterbrechen
war? Der Teufel, das sah Gieseking nun deutlich, trug einen dunklen Dreiteiler,
Lackschuhe und einen Gehstock mit Silberknauf. Hammereleganter Mann.“

Ellen zieht den Schlussstrich mit einem einzigen Satz: „Es
macht keinen Spaß mehr
.“ Für Gieseking logische Folge eines aus der Kontrolle geratenen affektierten oder echten (Wer weiß das schon?)
In-Sich-Gefangenseins-und-nicht-zueinander-Findens. Der Protagonsit steigt in seine Stiefel und
überwindet kampflos den die Ausfahrt versperrenden (vom Sturm der Nacht entwurzelten) Baum (Was für ein Bild!). Gieseking kehrt
zurück nach Berlin in sein luxuriöses Mitte-Loch, zur Auguststraße Ecke Linien,
zu den alten Kumpels José und Jonathan, zum Grau, den Pfützen und diesem ganzen
coolen Quatsch.

Noch was, auch wichtig,
wieder alles wichtig, Entschuldigung. Bei Apartment gibt es die
Raf-Simons-Turnschuhe. Irgendwie mit Krepp. Dreihundert Euro. Also. Ich habe sie. Wollte
ich nur durchgeben. Meld dich. Tschau.
“ (José zu Gieseking)

Doch die Rückkehr ist nicht mehr als eine Schleife. Auch in
der Hauptstadt gilt: Wirkung, Worte, Leute, Denken, aber was? Irgendwie stimmt
es nicht.

Rasch einigten sich
Gieseking und José darauf, dass es in ihrer beider Leben nur einen Wert, nur
eine ewig heile und teure Macht geben sollte, die unangreifbar war, die alles
überdauern und überstrahlen sollte: die Musik (…) ‚Ich komme von der schwarzen
Musik.’ Gieseking sagte den trostlosen Satz ‚Bevor ich die höre …’, es liefen
die Kaiser Chiefs, ‚… doch lieber gleich The Clash, das Original.’ O je. Und
erschöpft stellten sie fest, dass Londong Calling die beste, gültigste,
vollkommenste Schallplatte aller Zeiten war. Und als Gieseking Josés
verzweifeltes Gesicht sah, das unter dem Zigarettenrauch wippend, ein Ventil
für sein Unwohlsein suchte, korrigierte Gieseking sich rasch: ‚Klar, so kann
man es auch nicht sagen. So hat ja alles keinen Sinn.’ Und José wollte auch
noch etwas sagen, vielleicht einen Gag, sagte aber nur ‚Nein’ und ‚Weiß nicht …’
und ‚Nervt mich gerade’. Und ließ es bleiben. Der Klassiker unter Freunden: der
Moment, an dem plötzlich aller Kredit verspielt war, an dem plötzlich nichts
mehr ging. Totale Verunsicherung. Wer ist denn der Freak neben mir? Was habe
ich denn mit dem zu tun?

Jetzt fängt das Sterben an. Gieseking reist nach München,
den alten Galgern treffen. Hier erfährt er es. Waldstein, die Rückkehr steht
an.

„Im grünsten Grunde. Und dann wurde –
Holla, ihr Waldgeister! – der große Scheinwerfer eingeschaltet. Alles wirkte
grüner, grasiger, dichter, dschungelartiger denn je zuvor. Es war Sonntag, der
5. Juni, als die gütige Fünf-Uhr-nachmittags-Sonne
schien. (…) Nun also
Kinderkriegen. Das Aus. Over. Elend Kleinfamilie. Ewiger Ehe-Krieg. Ehe-Grimm.
Ehe. Und Gieseking spürte zum letzten Mal den Skandal, dass man mit nur einer
Person – zu zweit – glücklich werden sollte. Dann spürte er den nicht mehr.“

Nein, man kann nicht sagen, dass dieses Buch
keine Handlung hätte. Es gibt
schon so etwas wie einen Plot. Viel wichtiger aber scheint der Stil.
Staccato,
alles wird rausgebrüllt. Cool, uncool. Geht das, geht das nicht, Alter.
Gedanken, so, wie man sie denkt. Und dann wieder Gedanken über die
Gedanken,
wie man sie dachte. Nichts bleibt unausgesprochen. Eine hürdenfreie
Fahrt ins
Selbst. Was am Ende bleibt? Komisch: die Erinnerung an ein paar Dinge,
oft
gedacht: ja, genauso ist es … und die alles überragende Frage: Ist das
Kinderkriegen tatsächlich der einzige Gegenentwurf zur Beliebigkeit,
Leichtigkeit, Oberflächigkeit, den unendlich vielen Möglickeiten? Und: Kann man nicht auch
irgendwie anders erwachsen werden?

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