Hoffen auf Fußballdeutschland

Von überall her
werden Menschen zu uns strömen, Fußball-Fans aus Brasilien, Italien, Holland,
Japan, Australien, Tunesien, den USA, Iran … Um ihre Teams zu unterstützen,
um den großen Ballzauber zu genießen, um mit den deutschen Freunden ein
unvergessliches Fest zu feiern. Vier Wochen lang wird Deutschland der Nabel der
Welt sein.

Darüber muss
sich auch Heidi Klum im Klaren gewesen sein, als sie als Co-Moderatorin der
WM-Auslosungsgala ganz unbeschwert unseren ersten Mann im Staate zu interviewen
anfing: „Herr Bundespräsident, die ganze Welt schaut auf Deutschland. Was
bedeutet das?“ – „Ja, dass die ganze Welt auf uns schaut“, antwortete Horst
Köhler, sichtlich amüsiert.

Nur, wo guckt
denn die Welt genau hin, wenn sie auf Deutschland schaut? Sie sieht fern, sie
studiert die internationale Presse, sie surft im Internet. Mit anderen Worten:
Sie verfolgt die Medienberichterstattung über Deutschland. Und was werden die
aufmerksamen Medienbeobachter dabei erfahren? Unter anderem, dass Deutschland
einige Fitness-Probleme aufweist und nicht so richtig weltmeisterschaftsreif
ist. Doch die Deutschen, ehemals echte Superstars, sind ambitioniert und wollen
wieder zurück zu alter Stärke. Nicht nur die Fußballer. Sondern ganz
Deutschland.

Man war
nachlässig in den letzten Jahren, hat wichtige Reformprojekte nicht oder nur
zögerlich in Angriff genommen. Obwohl viele kritische Geister, Wissenschaftler
zumeist, den langsamen Abstieg in die Zweitklassigkeit schon früh erkannt und
beschrieben haben. Die Deutschen sind jedoch ein gemütliches Volk. Man hatte
sich eingerichtet im behaglichen Wohlfahrtsstaat, der schleichend zu erodieren
begann. Mittlerweile sind die Krisenphänomene nicht mehr zu übersehen.

Ähnlich wie die
Nationalmannschaft ist auch die Bundesrepublik, dieses einstige
Wirtschaftswunderland, kein Vorbild mehr für andere. Unsere Konkurrenz braucht
niemand mehr zu fürchten. Wir spielen nicht mehr in der ersten Liga, wir hinken
hinterher: beim Wirtschaftswachstum, der Produktivitätsentwicklung, der
Investitionstätigkeit, im Konsum. Wir lassen das Bildungssystem verkümmern,
fördern die Forschung zu wenig, produzieren nicht genügend Kinder. Wir haben
die Zukunft nicht im Auge.

Dass wir Jahr
für Jahr Exportweltmeister werden, grenzt an ein Wunder. Die Gemütsverfassung
in der Bevölkerung bessert sich dadurch kein Stück. Die hohe Arbeitslosenzahl
von über fünf Millionen drückt die Stimmung doch ganz gewaltig. Der
Erwerbsgesellschaft geht die Arbeit aus. Eine Tatsache, die viele resignieren
lässt. Vereinzelt wird bereits von der „depressiven Republik“ gesprochen. Die Lage
der Nation ist in der Tat ernst. Da können die Großkoalitionäre von CDU/CSU und
SPD noch so gute Miene zum bösen Spiel machen.

Der
Stimmungsumschwung muss her. Und zwar schnell. In dem Punkt sind sich alle
einig. Sonst raubt uns die Niedergeschlagenheit noch die letzte Kraft, sonst
verpuffen selbst die paar Reförmchen, die die politisch Verantwortlichen in den
letzten Jahren eingeleitet haben. Von der Reformweltmeisterschaft, die andere
Staaten (Holland, Schweiz, Dänemark, Großbritannien) schon erringen konnten,
können wir vorläufig nur träumen.

Uns bleibt die
Hoffnung, die Hoffnung auf Fußballdeutschland. Die Klinsmann-Truppe wird es
schon richten. Ballack & Co. machen es vor, spielen in sich einen Rausch,
werden Weltmeister, und wir Bürgerinnen und Bürger lassen uns anstecken von der
Euphorie, entwickeln Unternehmergeist und schreiten beherzt zur Tat. Dann geht
es aufwärts, dann ist Schluss mit der Miesepetrigkeit! Zumindest einen Sommer
lang. Oder länger. Und vielleicht gelingt es uns dann auch, dem Bild zu
entsprechen, das Horst Köhler von Deutschland zeichnet, von einem Land, das
seine Aufgaben „anpackt“. Post festum.

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