Heinrich Meyerdiercks und der komische Kochtopf aus der Mongolei

Abteilungsleiter Heinrich Meyerdiercks saß übellaunig in seinem Wohnzimmer, einen Block in der linken Hand, einen Stift in der rechten Hand und grübelte. Erika immer mit ihren tollen Ideen zu Weihnachten! Jetzt hatte sie den Vogel abgeschossen: Manfred und seine Familie sollten zu Weihnachten eingeladen werden. Manfred war Ihr Bruder, und Heinrich konnte ihn nicht leiden.

Der hatte so was Vornehmes an sich, nicht so was elegant Vornehmes wie der Theater- Schauspieler von gegenüber, sondern irgendwie anders: arrogant! Heinrich hatte schon eine ganze Philosophie um den Schwager und sein Benehmen gesponnen und fiel damit Erika zunehmend auf den Wecker, besonders zu Weihnachten. Es war ja auch immer dieselbe Leier!

"Hast Du jetzt endlich ´ne Idee für Manfred? Was wir ihm schenken können, wenn er zu uns kommt Heiligabend?", kam die Stimme seiner Frau aus dem Schlafzimmer, das sie immer ausgerechnet vor Weihnachten gründlich saubermachen musste. Was Heinrich im Übrigen sowenig verstand wie die Tatsache, wieso Manfred zu Weihnachten  kommen sollte. Immerhin hatten sie vor ihm jetzt fast 5 Jahre Ruhe gehabt. Aber Erika meint, man müsse die Familie zusammenhalten, wenn man nun überhaupt eine hätte. Soviel Menschen auf der Welt hätten gar keine Familien und das wäre doch schlimm! Heinrich dachte nur: "So viele Menschen haben auch keinen Manfred!"

Er hörte Manfred schon reden zu Weihnachten: Von seinem Job, von dem Heinrich nichts verstand, seine Vorträge über die Weltpolitik, und dass eigentlich – streng genommen – alle anderen Menschen, von Manfred einmal großzügig abgesehen, nicht annähernd verstanden, worum es in einem menschlichen Leben überhaupt geht.

"Hast Du nun ´ne Idee? Die haben da bei Tchibo so einen mongolischen Feuertopf im Angebot diese Woche, Manfred kocht doch so gerne!" – "Wäre das nichts?!"

"Ich kenne Manfred nicht genug, aber ich mag ihn nicht, das weißt Du doch! Ich weiß nicht, was ein mongolischer Feuertopf ist, und ich koche nicht. Wenn Du meinst, der Topf ist richtig, dann kauf ihn doch!" Er war jetzt reichlich ungehalten.

"Mongolischer Feuertopf"! Und dann würden Sie zu Weihnachten wohl mongolisch essen oder was? Ratten, Schlangen oder Hundefutter? War da nicht mal dieses chinesische Restaurant geschlossen worden….. Er konnte sich Weihnachten einfach nicht ohne Gänsebraten vorstellen.

"Quatsch, Heinrich, wenn wir ihm Weihnachten den Topf schenken, dann haben wir das Essen doch längst fertig!"

Heinrich merkte, dass Erika sich längst auf diesen Topf festgelegt hatte und kapitulierte. Wenigsten konnte er Manfred jetzt aus seiner Geschenkeliste streichen. Ein Problem weniger. Und eigentlich war ihm das ja auch egal. Er hoffte nur, dass Weihnachten bald vorbei und Manfred wieder abgereist war. Zum Glück waren sie nicht die einzigen, die er besuchen würde und wohnen tat er ja sowieso in Oldenburg. Das war weit genug weg, um vor spontanen Besuchen sicher zu sein. Als Erika aus dem Schlafzimmer schaute, saß er mit einer Mine im Sessel, die energieloser und schicksalsergebener nicht hätte wirken können.

Weihnachten hatten sie dann schließlich hinter sich gebracht. Heinrich hatte erfreut festgestellt, dass Manfred sich so eng mit allen möglichen Verwandten verabredet hatte, dass er gleich nach dem frühen Abendbrot wieder wegmusste. Er klemmte den mongolischen Feuertopf unter den Arm und ward Weihnachten nicht mehr gesehen. 

Gegen Mitte Januar kam dann die Einladung. Völlig überraschend, ohne jede Vorwarnung: "… und möchte ich Euch zu einem Essen aus dem Mongolischen Feuertopf einladen, weil wir Weihnachten nur so wenig Zeit hatten miteinander zu sprechen und …"

"Ach du meine Güte!", dachte Heinrich bloß. Das dachte er immer noch, als sie sich vierzehn Tage später anzogen, um nach Oldenburg zu fahren, wo sie seit fast 12 Jahren nicht mehr hingefahren waren, wegen der ewigen Nörgelei von Heinrich über seinen unerträglichen Schwager, hauptsächlich.

Während der gesamten Fahrt malte sich Heinrich meistens leise, mal aber auch laut lamentierend, den Abend bei Manfred und seiner Familie aus. Die anderen Familienmitglieder, seine Frau und die beiden Kinder waren ja ganz nett, aber von denen bekam man ja kaum etwas mit, wenn Manfred in der Nähe war…

Der Abend verlief dann aber ganz anders als erwartet:

In der ersten Phase ließ Heinrich den ganzen "small talk" über sich ergehen wie immer. Er fürchtete sich fast vor dem Essen. Das wurde nicht besser dadurch, dass immer mehr kleine Schüsseln mit allerlei undurchsichtigen Saucen und Pasten aus der Küche gebracht wurde und auf dem Esstisch aufgebaut. Heinrich kämpfte beim Anblick dieser seltsamen Speisen, die er noch nie gesehen hatte, mit seinem inneren Gleichgewicht und seinem Magen. Sein Hirn vermischte die Eindrücke mit allen möglichen schrecklichen Bildern über Chinesen, die Ratten essen und Schlangen und warme Affenhirne. Und er stellte sich vor, wie in der mongolischen Steppe vor einem Nomadenzelt ein Feuertopf geheizt wurde, um Gott weiß was, darin zu kochen…

Heinrich war so in Gedanken versunken, dass er kaum mitbekam, wie der duftende Feuertopf auf den Tisch gestellt wurde und alle anderen anfingen mit kleinen Spießen zu hantieren. Erst jetzt bemerkte er das klein geschnittene Fleisch auf den kleinen Platten, die jemand über den ganzen Tisch verteilt hatte.

Schließlich schaute er es sich bei den anderen ab, bastelte sich ein Spießchen aus Fleisch, Paprika und Zwiebeln, und tauchte es in die kräftig gewürzte Brühe ein. "Woher wussten die anderen, wie man mit einem mongolischen Feuertopf umgehen muss?", fragte er sich und dann Erika. "Manfred hat es eben erklärt. Du hörst ja nie zu, wenn man Dir etwas sagt!"

Schade eigentlich, dass der erste Spieß mit dieser scharfen Sauce, die direkt vor ihm auf dem Tisch stand, so gut schmeckte, das Heinrich vergaß, auf die Bemerkung seiner Frau hin einen handfesten Ehestreit von Zaun zu brechen. Auch die süß-saure Sauce und die mit – was war das? Erdnüssen..? "Sind das Erdnüsse?!" – "Nein, Mandeln!"

Er hörte Manfred sagen: "Eigentlich wollte ich ja etwas original mongolisches Kochen, aber ich habe gefürchtet, dass Euch das nicht so schmeckt, die ganze Saucen hier sind nämlich eher indonesisch oder thailändisch. Gleich kommt auch noch ein kleiner Topf mit heißem Fett, sozusagen als Fleischfondue, dann haben wir so ziemlich alle Varianten, die mir zu diesem Topf eingefallen sind. Ich war ja ganz gerührt, dass Ihr daran gedacht habt!"

"Wo´an ge n´ach´?!", entfuhr es Heinrich kauender Weise. "Heinrich, muss das sein?!", scholt ihn Erika sofort dafür.

Manfreds Frau sprang ein: "Na, Manfred hat doch dieses chinesischen Kochkurs gemacht letztes Jahr im Herbst bei diesem tollen chinesischen Koch aus Bremen. Da war Manfred natürlich ganz gerührt, dass Ihr daran gedacht habt!"

Heinrich murmelte etwas Unverständliches, Erika sagte schnell: "Ja, da nich´ für…!"

Das passte zwar auch nicht sonderlich, aber so konnte Sie schnell das Thema wechseln.

Nach einigen Erklärungen und unzähligen weiteren Spießchen mit den leckersten Saucen endete der Abend damit, dass Heinrich und Manfred sich – von ihren Frauen unwidersprochen – dazu verabredeten, am kommenden Sonntag zur Modellbahnmesse in die Stadthalle zu gehen. Ohne Frauen und Kinder, aber mit Taschengeld bewaffnet. Diese Ausstellung hatte Heinrich seit Jahren nicht mehr besucht, weil Erika sich dafür nicht interessierte und Corinna, die Frau von Manfred, immer hänselte, wie sich denn erwachsener Männer so intensiv mit Spielzeug beschäftigen könnten. Er freute sich also wie ein kleines Kind darauf.

"Ich denke, Du findest Manfred arrogant und unerträglich!", sagte Erika auf dem Rückweg.

Stimmt! Verdammt! Das hatte Heinrich glatt vergessen…

Herzliche Grüße, und angenehme Weihnachten!

Ihr Detlef Scheer

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