Großstadt-Rassismus

Es ist Samstag und ich bin nach dem Mittag unterwegs zum Quartier der DFB-Elf. Die S-Bahn ist nicht voll, gegenüber nimmt ein Frau Platz. Ihr Dialekt verrät ihre Herkunft: Sie ist Berlinerin. Es dauert nicht lange und man kommt ins Gespräch – leider. Die Frau, vermutlich Rentnerin, erzählt die neueste Schlagzeile der BZ: „Ivo traut sich nicht“. Ivo ist ein Gorilla-Männchen, das zurzeit nicht mit dem Gedanken spielt, die Population im Berliner Zoo zu erhöhen. Daher soll Ivo nun weg. An dieser Stelle versucht die Berlinerin nun ihre Biologie-Kenntnisse einzubringen: „Die Gorillas sind die nächsten Verwandten von uns Menschen, dass sieht man ja, wenn man sich die deutsche Nationalmannschaft ansieht“.
 
Als dieser Satz fiel, standen nicht wenige Leute unweit von der Dame. Sie sprach laut und deutlich – jeder konnte sie verstehen. Aber niemand sagte etwas. Auch nachdem ich mich auf eine Diskussion mit ihr einließ, fand sich niemand, der mir beipflichtete. Im Laufe des Gesprächs fielen noch weitere rassistische Äußerungen von ihr – aber keine Reaktion der S-Bahn-Insassen.
 
Scheinbar gehört Rassismus auch in einer Stadt wie Berlin mittlerweile zum Alltag. In Rostock habe ich so etwas übrigens noch nicht erlebt und das einzige Ereignis, dass hier internationale Gäste anlockt ist die Hanse Sail, also nicht mal annährend vergleichbar mit dem Ereignis, das Berlin zur Zeit bietet. Ich weiß auch nicht, was mich mehr ärgert, der offene Rassismus oder der gleichgültige Umgang gegenüber solchen Äußerungen. Zumal ja hier auch keinerlei Klischees bedient wurden. Es handelt sich nicht um einen Glatzkopf vom Dorf mit Springerstiefeln, sondern um eine Frau im gehobenen Alter aus der Großstadt.
 
Es ist also nicht abwegig, anzunehmen, dass braune Gedanken weiter verbreitet sind als gemeinhin angenommen. Es ist offensichtlich, dass es kein Problem der Jugend ist, sondern auch vermeintlich reife Bürger, simplen Parolen anheim fallen. Dazu kommt noch die überwiegende Mehrheit, die wegsieht und weghört. Aber falls der weithin konstatierte Patriotismus nicht bloß Fußball-Patriotismus ist, dann sollten die Patriotzen auch den Mut haben sich diesen Tendenzen entgegenzustellen – nicht nur zur WM.
 
Übrigens war der einzige Nationalspieler, der bei seiner Ankunft im Schlosshotel Autogramme gab Gerald Asamoah.

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