Grasser Computer

Die SS-Vergangenheit beschäftigt die Medien. Aber – ohne das verniedlichen zu wollen – es gab bei unserem Vorzeigeliteraten etwas ganz Anderes, was mich seinerzeit so geärgert hat, dass ich es hier noch einmal aufs Tapet bringen möchte. Er meinte, er würde sofort erkennen, wenn ein Buch mit einem Computer geschrieben worden wäre, verbunden mit der unterschwelligen Aussage, dass dies natürlich zweitklassig sei. Diese Bemerkung traf damals bei vielen Intellektuellen auf wohlwollend zivilisationskritisches Kopfnicken. Ich nickte auch, aber in die Gegenrichtung. Leute, die irgendetwas ohne Computer schreiben, gehen für mich reichlich suspekten Hobbies nach. Da könnten sie sich ja auch gleich das Papier selber schöpfen oder die Drucklettern selber gießen. Wenn sie an so handwerklichen Dingen Freude haben, nur zu. Das aber als Vorbild für unsere schreibende Zunft darzustellen, finde ich erschreckend.

Das hat allerdings bei uns Tradition. Ich erinnere mich noch an den Kampf der Photographie um die Kunst in den 80er Jahren. Damals wurde mit den ersten digitalen Verfahren experimentiert, und die photographische Gilde stellte sich fast geschlossen dagegen. In einer Szene, in der Farbphotographie schon als obszöne Verwirrung galt, kaum ein Wunder. Das war keine Kunst, nur wer mit Chemie herumpantscht und Photopapier auf der kompletten Prozesskette verwendet ist ein wahrer Künstler! Das sich das bis heute etwas gewandelt hat, brauche ich wohl nicht zu sagen. Vergleichbaren Widerwillen gab es gegen Computer, Internet u.ä. Statt die neuen Möglichkeiten als eine Erweiterung des eigenen Potentials zu betrachten wird erst einmal gewettert und verteufelt. So bremsen wir uns auf dem Weg in die Zukunft aus, verlieren wertvolle Jahre und den Input von Leuten, die uns weiterbringen könnten.

Ein Vorzeigeautor sollte uns Impulse in die Zukunft geben können und uns nicht so beschränken. Ein Mozart hat die damals ziemlich neue Klarinette sofort als eine wertvolle Bereicherung empfunden und Musik dafür geschrieben, wieso sich heute noch jeder Klarinetten-Anfänger mit den Kegelduetten herumschlagen muss. So soll es sein: Neuerungen als Ausweitung der eigenen Möglichkeiten begreifen.

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