Enzensberger liest in Boston (2. Teil)

„Ich nehme nicht die Rolle von jemandem an, der den Leuten sagt, was sie tun sollen. Das lehne ich ab." Gleichzeitig ist er auch kein Dichter, der sein Privatleben in seinem Werk ausbreitet. Er ist der Ansicht, dass Liebesgedichte schnell in Kitsch ausarten können und versucht deshalb, Distanz zu schaffen zwischen sich und seiner Poesie und versteht Literatur als ein perfektes Versteck.

Die Moderatorin fragt weiter nach den Jahren, die Enzensberger im Ausland verbracht hat, als ein Deutscher im Exil. Der Dichter weist diese Bezeichnung von sich, denn schliesslich hatte ihn ja niemand gezwungen, sein Land zu verlassen. Er beschreibt die Situation nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland, in der er sich fühlte, als seien die ehemaligen Nazis im täglichen Leben immer noch anwesend, nur verkleidet. Das konnte zur Obsession werden.

Hans Magnus Enzensberger (HME) scheint ein Weltenbummler zu sein, ein sehr aufmerksamer, denn er verbringt oft Jahre in einem Land (11 Jahre allein in Norwegen), beherrscht die Sprache (er übersetzt ins Spanische) und macht die jeweilige Nationalkultur zu einem Teil seiner Selbst. Das ist doch eigentlich ideal: das, was einem an der fremden Kultur gefällt, anzunehmen und in sich zu einem grossen Ganzen zusammenzubasteln.

Nach seinen literarischen Vorbildern gefragt, nennt HME keinen einzelnen Schriftsteller, sondern hebt hervor, dass seine Lesevorlieben bis zurück in die Antike gehen. Er ist sich auch der Diskussion über die Originalität eines Werkes innerhalb der Literaturwissenschaft bewusst und gibt zu: es wäre töricht, sich als Schriftsteller vorzustellen, von ganz vorn anzufangen. Und das ist ja auch genau das Argument der Intertextualität. Alles ist miteinander verbunden. Wir sind kein unbeschriebenes Blatt mehr und können diesen Zustand auch nicht mehr künstlich herstellen. Wir sind beeinflusst von dem, was wir seit unserer Kindheit gelesen haben, was wir täglich im Netz sehen. Die Sätze verankern sich in unserem Gehirn und schliesslich kann nicht mehr mit Sicherheit festgestellt werden, wer was zuerst gesagt/geschrieben hat. Alle Texte sind ein ineinander verwobenes Netz.

(3) Fragen der Zuhörer

HME wird als Person des öffentlichen (politischen) Lebens in Deutschland nach seiner Meinung zur Wahl in Frankreich gefragt. Er vergleicht die Situtation Frankreichs mit der Deutschlands, was die Frage der Immigranten betrifft. Die Konflikte, die entstehen (Religion, Sozialstaat, Arbeitslosigkeit) sind länderübergreifend. Deutschland muss sich seines (neuen) Status als Einwandererland bewusst werden bzw. diese Tatsache nicht mehr unter den Tisch kehren. Die türkischen Gastarbeiter, die in den 70 er Jahren ins Land geholt wurden, weil wir Arbeitskräfte brauchten, sind schon lange keine Gäste mehr.

Ein Student der Philosophie fragt: Wie kann ich als Intellektueller ein verantwortungsvoller Mensch werden? HME verweigert auch hier eine klare Antwort, sondern rät, engste Freunde, am besten die Freundin, zu fragen. Letzten Endes wird darauf jeder eine andere Antwort haben, auch abhängig davon, in welchem Lebensabschnitt man sich befindet. Aber es ist doch interessan, dass von einem Dichter erwartet wird, sich dazu öffentlich zu äußern, Hilfe zu leisten. Der Schriftsteller als Sprachrohr der Gesellschaft? Des Lebens wohl eher und dazu schaut man am besten ins literarische Werk hinein.

Lesung und Diskussion fanden auf Englisch statt. Alle Zitate habe ich ins Deutsche übersetzt.

Gedichte von Enzensberger: http://lyrikline.org/

Keine Meinungen

  1. Jetzt mal so unter uns Pastorentöchtern: Die Mädchen haben doch nicht mehr alle Tassen im Schrank, oder?Warum nicht gleich auch noch die Zeugung unter päpstlicher Aufsicht?

  2. Das könnte dem alten überzeugten Junggesellen aus Rom so passen! Aber Sie haben ganz recht.

  3. Sehr geehrte Damen und Herren,neben dem Buch, welches ja das traditonelle Lernen offline unterstützt, gibt es auch eine Möglichkeit online Diktate kostenfrei zu lernen. Mit freundlichem GrußUwe Schafranski

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