Ein-Euro-Jobber als lohnende Einnahmequelle

Wie die „taz“ in ihrer Ausgabe vom 18. September berichtet, hat jetzt ein Fall in Berlin großes Aufsehen erregt: Ein verschuldeter Kulturverein versuchte sich mit Hilfe von Ein-Euro-Jobbern zu sanieren. Die Beschäftigung von Langzeitarbeitslosen wird von den Kommunen nämlich großzügig subventioniert. Pro Person können bis zu 300 Euro im Monat eingestrichen werden. Das lohnt sich, wenn man gleich mehrere Ein-Euro-Jobber mit Arbeit versorgt. Das Skandalöse an der Sache ist jedoch, dass altgediente Ehrenamtliche entlassen werden konnten. Für sie gab es in dem Kulturverein schlichtweg nichts mehr zu tun. Die Ein-Euro-Jobber, mit denen die Kasse wieder auf Vordermann gebracht werden sollte, hatten sie verdrängt. Wenn das mal nicht Schule macht! Die Freiwilligkeit könnte aus den Kultureinrichtungen schwinden, fürchtet Ansgar Klein, Vorsitzender des Bundesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement. „Konkurrenz in der Suppenküche“ lautet dann auch treffend die Headline des „taz“-Artikels.

Anderen Einrichtungen hingegen ist die „Betreuungspauschale“ für Ein-Euro-Jobber nicht mehr hoch genug. Zum Beispiel dem Hamburger Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), der die drastische Kürzung dieser Pauschale durch die ARGE kritisiert. Mit den nun ausgezahlten 150 Euro pro Teilnehmer und Monat sei „eine sinnvolle Begleitung der Langzeitarbeitslosen“ nicht mehr möglich, so der Wohlfahrtsverband. Die eigens für die Betreuung eingestellte Vollzeitkraft könne nicht mehr finanziert werden. In der Altenpflege, in der die Langzeitarbeitslosen bisher tätig gewesen seien, würden jetzt keine Stellen mehr für Ein-Euro-Jobber geschaffen.

„Vom Prinzip des Förderns und Forderns ist in Hamburg nur das Fordern und das Sparen übriggeblieben“, bemängelt ASB-Geschäftsführer Knut Fleckenstein. In der Hansestadt sei es zu einem „unsinnigen Wettbewerb von Bildungsanbietern“ gekommen, die um die Ein-Euro-Kräfte konkurrieren. An der Einschätzung könnte etwas dran sein. Das Erwerbslosen Forum Deutschland hat einen überaus heiklen Fall in Hamburg aufgedeckt. Die SBB Kompetenz gGmbH beschäftigt über Hundert Aktiv-Jobber, die ihr von der ARGE zugeteilt worden sind. Die Arbeitslosen engagieren sich dort beispielsweise in internationalen Entwicklungshilfeprojekten, die zusammen mit NGOs durchgeführt werden. So weit, so gut. Der „Zustrom“ von Langzeitarbeitslosen darf natürlich auf die Dauer nicht verebben. Für jeden beschäftigen Arbeitslosen gibt es schließlich bares Geld, und man ist ja auch nicht der einzige Träger, der in Hamburg um die Ein-Euro-Kräfte buhlt. Also hat sich die Leitung der Stiftung etwas einfallen lassen: eine „Herbst-Aktion“ – ehemalige Ein-Euro-Kräfte werben ihre Nachfolger. Als Anreiz wird ein Einkaufsgutschein in Höhe von 15 Euro versprochen, einlösbar bei Saturn oder MediaMarkt.

Das Erwerbslosen Forum witterte einen Skandal: Ein-Euro-Jobber als „Drückerkolonne“, um dem Bildungsträger staatliche Fördergelder zuzuschachern. „Wir sind entsetzt, welche perversen Züge die Profiteure der Armut inzwischen haben“, so Martin Behrsing, Sprecher des Erwerbslosen Forum Deutschland.

Tags darauf dann der offizielle Rückzieher der SBB Kompetenz gGmbH. Die Anwerbepraxis sei beendet worden, teilt der Leiter der Stiftung mit und zeigte sich überrascht ob der heftigen öffentlichen Reaktion.

Die „Branche“ will keine negativen Schlagzeilen, das ist nachvollziehbar. Denn die wären schlecht fürs „Geschäft“. Die Intransparenz bei der Vergabe von Ein-Euro-Stellen dürfte einigen sehr willkommen zu sein. Nur nicht zu sehr in den Fokus der Öffentlichkeit geraten, scheint die Divise zu sein. Wahrscheinlich denkt man in der Politik genauso über dieses Thema.

Ein-Euro-Jobber sind also begehrte Kräfte. Weil sie billig zu haben sind, weil sie zum Teil gute Arbeit verrichten und – das wird der Hauptgrund sein – weil mit ihnen Fördergelder eingeheimst werden können.

Eine Frage steht jedoch im Raum: Was haben die Ein-Euro-Jobber selbst davon? Um die sollte es doch eigentlich gehen. Statt sie mit gezielten Maßnahmen dem ersten Arbeitsmarkt zuzuführen, bricht quasi ein Konkurrenzkampf um sie aus. Unglaublich, aber wahr.

Doch die Lage könnte sich entspannen. Sofern der Vorschlag der Wirtschaftsweisen umgesetzt wird, was gegenwärtig unwahrscheinlich ist. Die empfehlen nämlich, das Arbeitslosengeld II um 30 Prozent zu kürzen, damit der Druck auf den einzelnen steigt, und gleichzeitig das Anbot an staatlich geförderten Jobs massiv aufzustocken. Dann dürfte es für die diversen Bildungsträger, Stiftungen und Vereine wieder einfacher werden, ausreichend Langzeitarbeitslose mit „Aktiv-Jobs“ zu ködern. Die Kasse muss klingeln!

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