Die so genannte Neue Bürgerlichkeit

Die Neue Bürgerlichkeit ist in aller Munde. Vor diesem Hintergrund wurde FDP-Chef Guido Westerwelle kürzlich in der ZEIT gefragt, was für ihn „bürgerlich“ sei. Seine Definition: „Leistungsbereitschaft. Toleranz. Disziplin, Stil, Kultiviertheit.“
 
Was besagen diese herausgehämmerten Schlagworte? Treffen sie den Kern der Bürgerlichkeit? Entsprechen sie der aktuellen Lesart? Oder ist diese Begriffsbestimmung eine unzulässige Verkürzung, die das Eigentliche verfehlt?
 
Zahlreiche Apologeten der Neuen Bürgerlichkeit, zum Beispiel der feuilletonistisch hoch aktive Historiker Paul Nolte, stellen eine klare gesellschaftliche Zeitdiagnose: Unter den Neuen Bürgerlichen ist individuelle Stärke und Leistungsbereitschaft Trumpf. In allen Fragen des Lebens handeln sie selbstständig und eigenverantwortlich. Vom Staat, vor allem vom Sozialstaat, wird gemeinhin nicht mehr allzu viel erwartet. Der menschlichen Eigeninitiative trauen die Neuen Bürgerinnen und Bürger sehr viel mehr zu als den (sozial-)staatlichen Institutionen. Ihr ausgeprägter Gemeinsinn lässt sie auch Verantwortung für andere übernehmen. In jenen Kreisen denkt man nicht nur an sich selbst. Daher ist es für die Bürgerlichen selbstverständlich, sich sozial zu engagieren, im Elternbeirat, im Rotary Club, im Tennisverein, in der Kirchengemeinde, in privaten Stiftungen.
 
Es scheint, als hätte der „Bürger“ seine soziale Ader wiederentdeckt. Mehr als 23 Millionen Menschen in Deutschland engagieren sich ehrenamtlich. Eine beeindruckende Zahl. Vorbei sind also die Zeiten, in denen jeder nur an seinem eigenen Vorankommen interessiert war und sich zielstrebig durchzuboxen versuchte. Der Ansicht dürften auch die explizit Neuen Bürgerlichen sein.
 
Die Flurschäden der individualistischen Lebensführung sind mittlerweile nicht mehr wegzudiskutieren. Dann und wann hebt ein Sozialpolitiker den Zeigefinger und richtet mahnende Worte ans Volk: ob des Bedeutungsverlusts der Familie, der Bindungsunfähigkeit der aufstiegsorientierten Einzelkämpfer, der Zerbröselung einst stabiler Sozialmilieus und gemeinschaftlicher Ordnungen, der fortschreitenden Vereinzelung und Vereinsamung, der Kinderlosigkeit, der leeren Rentenkassen usw. usf.
 
Doch jetzt wird umgedacht. Auf einmal ist Gesellschaft wieder „in“. Der Sozialstaat, der viele Lebensrisiken bisher erfolgreich abfedern konnte, ist angeblich zu teuer geworden. Die Neuen Bürgerlichen sehen sich folglich selbst stärker in die Pflicht genommen. Und sie fühlen sich scheinbar auch verpflichtet, gegen die katastrophalen Auswüchse einer auf Leistung und ökonomisches Wachstum getrimmten Gesellschaft anzugehen.
 
Als probates Mittel gegen die vielen neuen sozialen Verwerfungen, insbesondere die sich deutlich abzeichnende Entzweiung in Arm und Reich, wird plötzlich die „Zivilgesellschaft“ beschworen. Allerdings nicht von den benachteiligten Randgruppen und ihren Repräsentanten, also von unten, sondern von oben, von jenen, denen es (noch) gut geht, den Erfolgreichen, für die die neoliberalen Reformen wahre Segnungen waren: ein Gewinn an Aufstiegschancen, Einkommen und Einfluss. Die werden nun verstärkt angehalten, sich „bürgerschaftlich“ zu engagieren und etwas gegen die „sozialen Kollateralschäden“ der Modernisierung zu unternehmen. Paul Nolte ruft gar die „Verantwortungsgesellschaft“ aus. Für sich selbst zu sorgen und für andere Verantwortung zu übernehmen, im eigenen sozialen Umfeld und auch im größeren gesellschaftlichen Rahmen – das ist oberste Bürgerpflicht.
 
Die Neue Bürgerlichkeit ist die Leitkultur des Neoliberalismus, ein Wertekanon, der die marktradikalen Reformprojekte kulturell flankiert. Die sozialintegrative Funktion ist augenscheinlich. Obendrein verhilft dieser noble gesinnungsethische Grundansatz dem Neoliberalen dazu, in sich selbst den Citoyen zum Leben zu erwecken, den Staatsbürger besonderen Schlags, der einen Sinn fürs Gemeinwesen hat, der politisch denkt und sich nicht ausschließlich als Konsument und ökonomischer Nutzenmaximierer versteht.
 
So sind die Neuen Bürgerlichen darauf bedacht, ihren Beitrag zur Befriedung der Gesellschaft zu leisten, sprich die sozialen Bruchstellen zu „kitten“: durch persönliches Engagement oder, wer’s einfacher mag, durch Spenden für den „guten Zweck“ (wenn sich andere um die „Probleme“ kümmern sollen). Hauptsache, den Benachteiligten wird geholfen, den Mitbürgerinnen und Mitbürgern, die noch nicht so richtig angekommen sind in der „neuen“ Bürgergesellschaft. Weil sie den Leistungsprinzipien nicht gerecht werden, den hohen Anforderungen, die andere, die Begünstigten, die Gewinner, an sie stellen. Oder der Markt, dieser angeblich universal zweckmäßige Sozialmechanismus.
 
Guido Westerwelles Verständnis von „Bürgerlichkeit“ ist sicherlich treffend. Man nimmt es ihm voll ab, denn es passt ins Bild eines „Freien Demokraten“. Nichtsdestotrotz sind die von ihm gewählten Vokabeln irgendwie entlarvend – selbstentlarvend.
 
Nichts, überhaupt nichts spricht gegen Leistungsbereitschaft. Und wahre Leistung natürlich. Problematisch ist einzig die Fetischisierung von Leistung. Wenn Leistung zum einzigen Maßstab wird. Dann lässt sich die Gesellschaf ganz geschmeidig aufgliedern: in Eliten, Leistungsträger, Leistungsverweigerer, Leistungsunfähige, Schwache. In oben und unten.
 
Aber die Neuen Bürgerlichen sind ja tolerant. Sie wissen, dass es Leitungsschwache gibt, Menschen, die halt ein bisschen hinterherhinken. Die nicht auf der Höhe der Zeit sind. Die den Spielregeln nicht gerecht werden können oder wollen. Denen wird dann unter die Arme gegriffen. Man ist ja nicht nur ein „neuer“, sondern vor allem ein „guter“ Bürger. Daher arbeitet man diszipliniert an seinem guten Ruf, der sich noch verbessert, wenn man Gutes tut. Das hat Stil, das zeichnet einen aus. Anderen gegenüber, bestimmten Schichten, von denen man sich abgrenzen will (oder muss): den spaßorientierten, eher unkultivierten Kleinbürgern, die stumpfsinnig und egoistisch in den Tag leben.
 
Man argwöhnt, was sich hinter dem Gerede um die Neue Bürgerlichkeit verbirgt: viel heiße Luft, produziert vom gehobenen Bürgertum, das Guido Westerwelles FDP politisch vertreten will. Die Neue Bürgerlichkeit scheint mehr eine Frage persönlichen Stils zu sein, weniger ein praktiziertes Lebensprinzip. Sie geriert sich als zeitgemäße Kultiviertheit. Mit einer Prise Gemeinsinn. Aber auf Distinktion zielend. Sie passt zum anspruchsvollen Lebensstil der Leistungselite, die sich gönnerhaft gibt. Sie ist nicht nur „eine Antwort auf das Ende der wohlfahrtsstaatlichen Illusionen“, wie Manfred Hettling, Professor für Neuere und Neuste Geschichte an der Universität Halle vor kurzem in der ZEIT meinte. Sie ist auch eine Antwort auf die zunehmende Unterschichtung der Gesellschaft, auf die Erfahrung von Armut, Leistungsverweigerung und -unfähigkeit, Stillosigkeit und Verrohung in weiten Teilen der Bevölkerung. Als soziokultureller Abwehrreflex offenbart sich die Neue Bürgerlichkeit als das, was sie ist: eine konservative Ideologie, ein Blendwerk, ein falsches Spiel. 

2 Meinungen

  1. Ein sehr guter Artikel in meinen Augen !Die soziale Gnade, die die neuen Bürgerlichen gegenüber den Schwächeren walten lassen, hält eh nur so lange wie diese nicht um einen Cent ihrer Kapitalgewinne bangen müssen bzw. dafür keine große Anerkennung bekommen. Die Neuen Bürgerlichen als Citoyen zu bezeichnen wäre ganz und gar nicht im Sinne Rousseaus, denn sie sind immernoch Eliten, die sich aus der Gemeinschaft abheben und sie zu ihren Gunsten beeinflussen. Letztlich dient diese seichte Hilfsbereitschaft nur dazu den status quo zu sichern. Einen Wandel im Denken und eine Abkehr vom unsozialen Utilitarismus vermag ich nicht zu erkennen. Vielmehr liegt die Gefahr in einer neokonservativen Wende, also hin zu religiösen Wertbegriffen, wie wir bei Fr. Leyen ja gerade sehen. Steht die Vermischung von staat und Kirche schon wieder an??

  2. Eigentlich hatte ich es mir schon gedacht: Wenn das Propaganda-Wort “neoliberal” schon zu Beginn auftaucht, ist Vorsicht vor geistiger Wüste geboten.Die vielen Worte, die dem ersten “neoliberal” folgten, haben mich dann auch nicht enttäuscht.

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