Die Niederungen des Europäischen Fußballs

Nach guter schottischer Tradition führt uns unser Weg  nicht auf direktem Wege ins Stadion, sondern in
einen lauschigen Pub aus dem uns bereits bier- und tabakgeschwängerte Dämpfe
entgegenschlagen. Wir, das sind im Übrigen zwei niederländische Fußballästheten
und meine Wenigkeit (Deutsch, Student), die sich nun erstmal mit einigen Pints
auf eine hochklassige Party einstimmen –schließlich trifft hier der Zweite auf
den Vierten.
 
Anpfiff
 
Die Stimmung im Pub erreicht ihren Siedepunkt. Nur noch
wenige Minuten bis zum Anpfiff. Also machen wir uns mit einigen heimischen Fans
auf den Weg in das altehrwürdige Stadion von Aberdeen. Nach kurzer Suche nehmen
wir unsere Plätze ein und lechzen nach dem Popkorn der Fußballarenen: Bier!
Doch zu unserer Verwunderung wird uns nur Limonade und Wasser angeboten –warum
sollten wir später noch erfahren.
 
Endlich gibt der Schiedsrichter das Spiel frei. Schon nach
wenigen Minuten wird uns klar: schottischer Fußball hat nur bedingt etwas mit Technik und Ästhetik zu tun. Im Großen und Ganzen besteht die
Taktik beider Mannschaften darin lange, hohe Bälle in die Hälfte des Gegners zu
schlagen um dann den Ball mit beinhartem Einsatz bis ins gegnerische Tor zu
befördern. Äußerst selten können wir längere Ballstafetten oder gar Flügelspiel
bewundern.
 
Gooooaaaal
 
Plötzlich ist es passiert! Wie aus dem Nichts erzielt der
FC Aberdeen das 1:0. Das Stadion tobt! Die Fans grölen, das Maskottchen
Aberdeens (ein Stier mit dem Namen Angus) hüpft wie wild umher und der
Gästeblock wirft mit allem was er hat. Wir sehen sogar ein Plüschschaf
(Maskottchen von Celtic) auf den Rasen fliegen. Aber was war passiert? Nach
einem langen, hohen Ball kam der Ball irgendwie zu Freddy Winter. Der fackelt
nicht lange und haut das Ding aus ca. 20 Metern unter die Latte –endlich war
mal ein Ansatz von Spielkultur zu sehen! Schönes Tor!

Wir schauen auf unsere Uhren (eine Anzeigentafel gibt es
nicht): schon die 53. Minute. Celtic spielt nach dem Gegentreffer wie
aufgedreht. Im Sekundentakt segeln hohe Bälle in Richtung des Strafraums der Heimmannschaft.
Um uns herum macht sich Unruhe breit. Auch der Gästeblock, der nur wenige Meter
von unseren Plätzen entfernt ist, macht jetzt mehr Lärm. Eine Gruppe
grobschlächtigern Aberdeen-Anhänger vor uns schielt immer öfters düster rüber
und steckt die Köpfe missmutig zusammen. Es sollte noch einiges passieren an
diesem Sonntagnachmittag im Nordosten Schottlands und damit meine ich nicht auf
dem Platz.
 

Die Stimmung kippt

 
Und es kam wie es kommen musste. Nicht mal vier Minuten
nach dem Tor gleicht Celtic durch McGeady aus. Diesmal war eine Standartsituation
der Auslöser: ein Freistoß von halbrechter Position findet im Strafraum einen
Celticangreifer.Dessen Kopfball schlägt unhaltbar links unten ein. Tumultartige
Zustände brechen um uns herum aus. Die GruppeStiernacken orientiert sich
sofort zum Gästeblock um wilde Hasstiraden in deren Richtung zu skandieren. Der
Rest der Tribune fixiert sich auf den Torschützen und beschimpft ihn mit
Floskeln wie: „Die, ya sheep shaggin´
bastard!“ (üble Drohung und noch üblerer
Unterstellung). Das Stadion ist ein Hexenkessel.
 
Jetzt geht alles ganz schnell. Celtic dominiert und schenkt
Aberdeen in der 58. und in der 64. noch zwei weitere Treffer ein. Das interessiert
nach dem Ausgleich aber kaum jemanden. Die Fans beschränken sich darauf
auszurasten und die Spieler und sich gegenseitig zu beschimpfen. Langsam wird
uns klar, warum Alkohol hier verboten ist. Nach genau 90 Minuten ist Schluss
und wir sehen zu, schnell aus dem Stadion raus zukommen. Die Stiernacken
wechseln noch ein paar Nettigkeiten mit dem Celticblock aus und machen sich auf
zur dritten Halbzeit.
 
Vor dem Stadion ist die
Hölle los. Hundertschaften der Polizei versuchen die Fangemeinden voneinander
fern zuhalten. Hin und wieder fliegen Fanartikel in Richtung der Ordnungshüter.
Wir machen uns direkt auf den Weg zurück in die Innenstadt um einige
Erfahrungen reicher und mit der Erkenntnis, dass Fankultur durchaus ein Spiegel
der Gesellschaft sein kann. 

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