Die liebe Zeit

Liegt es an der Berufswelt, in der ich mich befinde, oder haben Leute generell nie Zeit? „Keine Zeit" schallt es mir entgegen, wenn ich Kollegen danach frage, ob sie mit zum Lunch oder Kaffee trinken wollen.

„Keine Zeit gehabt" heisst es bei der Nachfrage, ob jemand den Artikel / das Buch gelesen hat.

„Schon was anderes vor" wird mir entgegnet, wenn es um Pläne fürs nächste Wochenende geht.

„Hätte ich so viel Zeit (mehr Zeit) … würde ich …" ist genau so eine oft gehörte Floskel.  

Der moderne Mensch hat viel mehr Freizeit, als je zuvor in der Geschichte (ausgenommen Manager und Andere mit 100 Arbeitsstunden pro Woche). Doch was fangen wir damit an? Wir stopfen die Zeiträume voll, mit Erlebnissen, mit Freizeitaktivitäten. Wer schreibt schon in seinen Kalender ‚eine Stunde Ruhe’ ein? Frisör-, Arzt-, Elternabendtermine reihen sich neben deadlines für Artikel und Arbeiten, die geschrieben werden müssen.

Vielleicht haben wir alle eine Sanduhr im Kopf, die uns ständig vor Augen führt, wie schnell die Stunden verrinnen. Sie scheint zu rufen: fang was an mit Deiner Zeit, verschwende sie nicht!

Wie oft höre ich das Stoßgebet ‚ach, hätte der Tag doch nur 48 Stunden statt 24!’ und denke mir dabei, dann wäre es auch nicht anders. Es gäbe noch mehr zu tun, zu erledigen, zu sehen, zu lesen, zu erleben. Haben wir wirklich so wenig Zeit, wie wir tun? Ist es nicht eher so, dass wir Prioritäten setzen und alles andere durch die engen Maschen dieses Gitters fällt? Nach der Tennisstunde ist Lunch bei den Eltern/Schwiegereltern/Großeltern geplant, da gilt es, sich zu duschen, umzuziehen und dorthin zu rasen, um pünktlich zu sein. Eine Routine löst die nächste ab, wir drehen uns im Kreis um es allen und nicht zuletzt uns selbst recht zu machen.

Dabei sollten wir manchmal inne halten. Uns bewusst werden, was wir tun, warum wir es tun, ob wir damit zufrieden sind. Auf unsere innere Stimme hören. Da die Uhren um 2 Uhr nachts umgestellt werden, ziehe ich diese Reflektionen einfach mal zeitlich vor. Mache mir eine Tasse Tee und geniesse das Herbstwetter. Es regnet zwar, aber das wird mich nicht von meinem Spaziergang abhalten. Bei gutem Wetter kann schließlich jeder spazieren gehen, sagte mein Großvater immer und schlüpfte in seine Gummistiefel.

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