Das Psychogramm eines Stadtteils. Heute: die Schanze

Der Schanzenmann und die Schanzenfrau sind ungefähr zwischen 20 und 50
Jahre alt. Alle fühlen sich aber wie 32. Sie sind arbeitslos, Grafiker
oder Journalist, was ungefähr auf’s Selbe herauskommt. Überall hin
fahren sie mit
dem Fahrrad. Das stammt entweder vom Flohmarkt und ist rosa oder von
der
Fahrradmanufaktur, dann ist es schwarz, kostete viel viel Geld und ist
nur mit
dem Nötigsten ausgestattet.

Böse Zungen munkeln, dass sich immer mehr Mütter mit
Kleinkindern unters Schanzenpublikum mischen. Mir ist das noch nicht
aufgefallen. Nur die Portugiesen berichten, dass die Galaoverkaufzahlen
eingebrochen sind (ach so, als Stillende darf man ja nicht so viel Kaffee
trinken, sonst schreien die kleinen Bälger noch mehr …), dafür aber der
gepresste Orangenssaft ganz gut geht, der am Ende ja auch viel teurer ist.
Deshalb finden die Portugiesen das mit den Mamas gar nicht schlimm. Der Rest
trinkt außer Galao Tannenzäpfle (ja, das ist das Bier mit der Tanne, die einen
Kiefernzapfen hat), Bionade oder fritz-Cola.

Was auch noch typisch ist für die Schanze: mach einen Laden auf, stell
ein paar ranzige Tische raus, und du wirst sehen, es funktioniert. Auch vor Ben
und Jerry Buden (das ist das Eis für 5,49) bilden sich Schlangen.  Würstchenbuden
(Schulterblatt/Ecke Susannen) mit originalen Comicbildern von russischen
Emigrantinnen an der Wand laufen richtig gut. Die kann man sogar kaufen, die Comics meine
ich. Außerdem gibt es hier die beste Currywurst des Districts!

Fast alle von den Schanzentussis wollen lieber in Berlin
wohnen. Aber weil sie da alle graue Mäuse sind, bleiben sie lieber hier. In
Hamm oder in Nienstedten fallen sie wenigstens ein bisschen auf. Das ist wichtig
für ihr Selbstwertgefühl. Den Jungs geht es nicht viel besser. Sie müssen viel
für sich tun, damit sie immer so aussehen wie 32. Das bringt nicht nur das
Fitnesscenter und die Pilotenbrille. Das bedarf auch der richtigen inneren
Einstellung. Reife, Verantwortung und Zuverlässigkeit gehen da schon mal gar
nicht. Ihre Lieblingswerbung ist: „Wie zufrieden sind Sie mit Ihren
Erektionsstörungen?“ und ihre Lieblingslektüre: brandeins (wegen des stylischen
Titels), 11 Freunde und Neon (war ja klar).

Was ein bisschen nervt an der Schanze, aber zur WM
hoffentlich rechtzeitig unterbunden wird, ist die Bettelei. Eine Bionade, und du
bist mindestens noch mal den gleichen Einsatz los. Und das nur fürs Sehen und
Gesehen werden. Wenn du mit dem Auto, ausnahmsweise!, kommst, gerätst du
ziemlich sicher an die Polenpunks, die im Sommer immer so niedliche Herzen mit
Spülischaum auf die Windschutzscheibe malen. Oder an die
Zigeunermusikantenkinder, die auf verstimmten Schifferklavieren kleine
Partituren zum Besten geben. (Wenn man nicht weiß, ob man diesen Kindern Geld
geben soll, empfehle ich die Rezeption des Istvan-Fila-Streifens: König der
Manege). Und dann sind da noch die alteingesessenen Drogis oder Obdachlosen,
beachte das ODER, ich will hier niemanden und niemanden in einen Topf schmeißen!
Die sehen immer fertiger aus, schieben aber nach einiger Zeit regelmäßig den
Rollstuhl um die Ecke ins Gebüsch und vertreten sich erst einmal die Beine.
Langes Sitzen soll auch nicht gesund sein und immer auf die Tränendrüse
drücken, nervt auch auf die Dauer.

Ein Exot der architektonischen wie der metaphorischen Art ist die „Rote
Flora“. Sie erinnert an alte, sehr alte Zeiten, als alle noch eine Meinung
hatten und es noch so etwas wie eine Jugendkultur gab. Jetzt gibt es ja nur
kiffende Auszubildende mit Megaphon und Banner in der Hand. Ich verstehe nicht
viel von dem, was sie sagen. Viel kann es nicht sein. Neulich zog ein Trott
dieser Art an mir vor bei, und das was nicht vom Wind weggetragen wurde, hörte
sich an wie: „Wir scheißen auf … Wir scheißen auch auf … Und wir scheißen auch
auf eure …“ Wie sagt meine Mutter immer so schön: es reicht nicht zu wissen,
was man nicht will, sondern man muss auch wissen, was man will! Nun ja, ich
glaube, darum geht’s den Jungs gar nicht …

Wenn euch noch was einfällt, nur zu!
Die nächste Geschichte gibt’s zum St. Paulaner, oder zum Eimsbüttler,
nein, noch besser, zum: Ottenser. Keine Angst, ihr kommt alle ran!

8 Meinungen

  1. Kam gerade von “Da ist sie also, …” (Häh? Link einfügen … Frage der Box: Link-Alternativ-Darstellung? Erklärung bitte! Kann man nicht einfach ‘Linktext’ schreiben?).Wo sind denn nun die Infos und die Links und der Stadtplan und die Veranstaltungen? Und Angst und Furcht bekam ich tatsächlich erst am Ende bei “Keine Angst, ihr kommt alle ran!”.Bin ja selber nicht von der Schanze, aber an der Sprache und an der sachlichen Aussage an sich könnte ja vielleicht doch mal ‘irgendwie’ gearbeitet werden.

  2. Dörte Brilling

    Infos, Links, Stadtplan? Meistens ist das hier kein Veranstaltungskalender. Trotzdem: Angst muss keiner haben, Furcht auch nicht. (Was ist der Unterschied?) Sachliche Schreibe? Okay, das nächste Mal gibt’s den Stempel: Vorsicht Satire!

  3. Hm…….die polemische Rezeption der Schanzianer alsTannezäpfle-Galao-Konsumierer mit Hang zuBionade und Fritz-Kola – lehne ich ab.Als quasi sich selbstbezeichnender Schanzianer,muss ich Ihnen leider sagen, dass die “richtigen”erstens Astra oder ausnahmsweise mal Beckstrinken – nur die “hach-gehn´wer auch mal auf die Schanze”-Pommeranzen Bionade trinken – und niemand Fritz-Kola.Die Beschreibe der Junks oder Obdachlosen ist auch nichtrichtig. Eine Person rollstuhlt herum – und die kann nichtaufstehn.Und wer das mit der Bettelei, sodenn sie denn von deneingesessenen Schanzenbewohnern kommt, nicht magsoll sich bitte nach Eppendorf oder Winterhude verpissen.Danke.Das was Sie da leider nicht durchschauen, ist eine durchaus vielschichtigere Mischung aus Menschen, die durchausmehr Humor haben, als Sie sich vorstellen können.Fazit: Schön formuliert, Inhalt 5. Setzen.( Waren Sie etwa die Brünette, die am Tresen fragte obsie etwas über den Laden wissen könnte ?:-) )- Korrektoregierung.

  4. Soviel zum Thema “mehr Humor haben, als Sie sich vorstellen können”. Für mich hören sich diese Reaktionen nicht nach besonders viel Humor an und scheinbar wird hier auch nicht genau gelesen, was in anderen Kommentaren steht. 😉 Dörte schreibt: “Okay, das nächste Mal gibt’s den Stempel: Vorsicht Satire!” Ja, vielleicht besser so. Oder am besten gleich in den Satireblog. Ironie ist aber auch schwierig.

  5. Oh..da haben Sie recht. :-)In der Tat, mag an den 3,5 Vorläuferartikeln zu diesem Thema gelegen haben, ist mir die Satire entgangen – auf den ersten Blick zumindest.Auf den zweiten war sie dann wohl einfach nicht mutig genug selber eine Theorie über Hintergründe aufzustellen.Meine Entschulle für den Anwurf bekommen Sie,ebenso wie die trotzdem ernstgemeinte Kritik, dienach dreimaligem Lesen eine Mische aus Satire und Belanglosigkeit diagnostiziert.Besser machen, wird mancher sagen………ja richtig – geben Sie mir mal 5 Minuten :-)- Grinsregierung.

  6. Auf jeden Fall vielen Dank für die PM und die Aufnahme von sankt-georg.info in die Blogroll trotz meiner kritischen Anmerkung. Souverän! Dafür gibt es einen Respektpunkt … Nebenbei, das mit der gewollten Satire ist mir schon aufgefallen aber ich zielte mehr auf “Hier sprechen Experten. Über Politik, Sport, Kultur, Unterhaltung, Technik, Reise und Leben.” und das ist ja nun mal (leider) das anspruchsvolle Leitmotto von germanblogs.

  7. Ich denke dass sich die Schanze sich in den letzten Jahren stark verändert hat und nun halt nicht mehr der Platz ist, an dem sich ausschliesslich tolerante “underdogs” rumtreiben.Dennoch ist es immer noch der Wohnort vieler interessanter Künstler zu denen ihr auch Informationen im Kulturportal Hamburg (www.kulturportal-hh.de) findet.

  8. super & total auf dem punkt, der artikel :))die schanze nervt inzwischen richtig. oder besser: diese vielen möchtegern-styler. alle mit ner frisur, die ja so “ist mir doch egal, wie ich aussehe” ausdrücken soll, in wirklichkeit standen die dafür aber stundenlang vor dem spiegel. bäh …

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