Bildungspolitik für Doofe, Folge 1

Vor einigen Jahren konnte ich als Mitglied der Schulkonferenz an der Grundschule meiner Kinder die kurzfristige Einführung des Ganztags-Modells an dieser Schule verhindern. Mittlerweile wird auch dort ein weiteres Schulgebäude gebaut, um die Ganztagsbetreuung ab 2007/2008 aufnehmen zu können. Meine Kritik am deutschen Ganztagsmodell beruht im Wesentlichen auf zwei Pfeilern. Lassen Sie mich zuerst auf den, bezogen auf den jeweiligen Status Quo, lokal durchaus unterschiedlich zu bewertenden Aspekt der Vereinbarkeit von Familie und Beruf eingehen.

Im Umfeld der Schule meiner Kinder gab es bislang fünf verschiedene Betreuungsmöglichkeiten, die es Berufstätigen erlaubten, ihre Kinder teilweise bis 18 Uhr unterzubringen. Hier handelte es sich in der Regel um Kindertagesstätten mit speziellen Angeboten, wie der Hilfe bei den Hausaufgaben. Natürlich war auch das existenzielle Angebot der Mittagsverpflegung vorhanden. Auch das hiesige Jugendamt engagierte sich mit zwei Betreuungsgruppen. Aus Sicht der Schule, aber auch aus Sicht der Eltern im Einzugsgebiet war eine exzellente Situation gegeben. Es gab keine Betreuungsnotstände und die nachmittägliche Beschäftigung der Kinder wurde durch ausgebildete Sozialpädagoginnen, Sozialarbeiterinnen oder Erzieherinnen gelenkt.

Die Einführung des Ganztagsmodells an dieser Schule führt dazu, dass sämtliche bisherigen Betreuungsangebote mangels weiterer Finanzierungsmöglichkeiten schließen müssen. Das Betreuungsangebot wird künftig zentral an der Schule vorgehalten. Diese ist zwar darauf nicht vorbereitet und auch strukturell darauf nicht ausgerichtet, muss sich aber dem Gesetzesdruck beugen und das Beste daraus machen. Erster Schritt ist daher der Bau eines weiteren Gebäudes, weil es im bisherigen Komplex natürlich keine Verpflegungsmöglichkeiten, nicht ausreichend Ruhebereiche und was nicht alles nicht gibt. Der Schulleiter ist verständlicherweise wenig begeistert darüber, ein funktionierendes Angebot zerstören zu müssen, um ein neues zu schaffen, dessen Funktionsfähigkeit sich in der Zukunft erst noch beweisen muss und selbst im besten Fall niemals wird besser sein können, als das bisher schon vorhandene. Eine Befürchtung ist dabei auch, dass die Konflikthäufigkeit durch die Zentralisierung bisher dezentraler Einheiten, also das schiere Mehr an Kindern an einem gemeinsamen Ort steigen wird.

Klar ist, dass die eben geschilderte Situation schon hier im Stadtgebiet nicht überall ähnlich vorliegt. Es gibt durchaus Stadtteile in denen die Schulleiter dem Ganztagsmodell unter dem Aspekt der Schaffung von Betreuungsmöglichkeiten weniger kritisch entgegen sehen. In solchen Städten oder Stadtteilen bin ich grundsätzlich auch ein Befürworter der nachschulischen Betreuung an der Schule, weil dies immer noch besser ist, als die Kinder nicht zu betreuen. Nur sollte man das, und damit komme ich zum zweiten Punkt meiner Kritik, nicht als Ganztagsschule bezeichnen.

Warum sagt die Politik überhaupt Ganztagsschule zu einem Modell, in dem die Kinder zwar tatsächlich ganztägig an der Schule verbleiben, jedoch nicht ganztägig beschult werden? Wie so oft lautet die Antwort: Wegen PISA. Dieses mittlerweile zum Unwort mutierende Totschlagargument wird im Bereich der schulischen Ausbildung zur Grundlage jedweden experimentellen Mistes herangezogen. Im Rahmen der unsäglichen Studie hatten die Experten der OECD heraus gefunden, dass Länder mit Ganztagsschulmodell besser abschnitten als Länder ohne ein solches. So liegt der Ganztagsschulpionier Finnland stets auf den ersten Plätzen im PISA-Vergleich, Deutschland bewegt sich um den Platz 20 herum.

Intelligent, wie Politiker nun mal sind, wurde schnell klar: Deutschland braucht die Ganztagsschule. Stimmt, riefen auch die Bildungsexperten. Und ich räume ein: Möglicherweise stimmt das tatsächlich. Dann jedoch schauten sich die Herren und Damen aus der Politik an, was inhaltlich hinter dem Wort "Ganztagsschule" in Finnland steckt. Die Klassenstärke ist geringer, was zu einer besseren Schüler-Lehrer-Relation führt. Problemschüler werden außerhalb des Klassenverbundes gezielt gefördert, was aufgrund der höheren Lehrerzahl einfach möglich ist. Die Sachausstattung der Schulen ist auf einem deutlich höheren Niveau. Das System der Ganztagsschule ist gebunden, das heißt am Nachmittag wird dort verpflichtender Unterricht durch Lehrerinnen und Lehrer gegeben. Es existiert ein fester Stundenplan. Die Schule endet erst zwischen 16 und 17 Uhr, für längere Betreuungsbedarfe gibt es dann an der Schule nicht-pädagogische Angebote.

Leise raunten sich die deutschen Politiker zu: "Das machen wir alles nicht! Das ist viel zu teuer. Aber der Name ist gut. Den nehmen wir." Mit der Folge, dass es die Inhalte des Begriffs Ganztagsschule in Deutschland nicht geben wird, mit Ausnahme der eben genannten nicht-pädagogischen Angebote. Die gesamte Nachmittagsbetreuung soll mit "interessierten" Personen abgedeckt werden. Das kann der arbeitslose Dachdecker sein, der einen Basketballkurs am Montag gibt und am nächsten Montag nicht mehr kommt, weil er in Arbeit vermittelt wurde. Es gibt keinen Stundenplan und es gibt auch keine Verpflichtungen, denn das System ist "offen". Wer kommt, komt. Wer nicht kommt, bleibt eben weg. Leistungsrelevante Wissensvermittlung findet nicht statt. Klingt komisch, ist aber so!

Und jetzt erklär´ mir einer den Sinn!

In einer der nächsten Folgen der "Bildungspolitik für Doofe" geht es dann unter anderem um die Frage, wieso aus einer Studie, die das Leistungsvermögen von 4.000 – 10.000 15Jähriger pro teilnehmendem Staat testet, Bildungspolitik für Grundschüler abgeleitet wird.

(Foto: www.pixelquelle.de / Mario Büttner)

Keine Meinungen

  1. Zur Ableitung der Bildungspolitik für Grundschüler aus einem Test von 4.000 – 10.000 15Jähriger pro teilnehmendem Staat:Wenn die Daten mittels einer Pfadanalyse analysiert worden sind, so läßt deren Ergebnis durchaus Schlüsse auf die Wirkung der vorherigen Art der Schulung zu. Die Unterschiede zwischen einzeln Gruppen zeigen dann sehr wohl, was günstig für den zukünftigen Erfolg ist.Was Politiker dann allerdings aus diesen Ergebnissen machen, dafür ist der Pädagogische Psychologe oder Eriehungswissenschaftler nicht verantwortlich.

  2. Nu nimm doch hier nicht schon die kommenden Themen vorweg, alter Spoiler ;))

  3. ” (…) Dass Politik hierzulande wenig mit Kompetenz, aber dafür viel mit Marketing (…) Für jedes Problem wird nicht zuerst nach Lösungen, sondern nach Slogans und griffigen Namen gesucht.” Das Marketing ist auch bei der “Unterschichten Debatte” beocbachtbar! Tage damit verbracht sich über die richtige Namensgebung und (Nicht-)Wissenschaftlichkeit zu diskutieren anstatt wirklich mal beim Thema anzukommen.Wer erwartet da kluge Lösungen?Wirklich schlecht ist, dass bei allem Marketing und der Such nach wirksamen Slogans etwas wie “Ein-Euro-Jobber” herauskommt.

  4. Angedenk der Prostituierten-Geschichte würde ich auch den Begriff Hartz der Unsäglichkeit preisgeben wollen 😉

  5. Hallo!
    Auch ich lehne diese übergroße Verherrlichung der Ganztagsschule ab.
    Die derzeitige Politik schafft durch die einseitige Bezuschussung nur des schulischen Bereichs ein “Betreuungsmonopol” für Schulkinder. Das hat die vorher vorhandene wohltuende Vielfalt und Auswahl an Betreuungsmöglichkeiten ratzfatz zerstört.
    Es gibt aber viele Eltern, die bewusst grundsätzlich für ihre Kinder da sein wollen, aber einzelne Nachmittage in der Woche arbeiten, für die sie eine Betreuung der Kinder bräuchten. Die Ganztagsschule bietet aber nur ganz oder gar nicht. Auch eine gewährleistete Betreuung bis zu einer Zeit mittags für halbtags Arbeitende ist nicht vorgesehen, als Wahlmöglichkeit.
    Man passe sich gefälligst dem gängigen System an – oder sehe zu, wie man fertig wird. Danke, liebe Politiker!
    Ich fordere, dass es auch weiterhin / wieder eine Bezuschussung für ähnliche oder andere Betreuungsangebote geben sollte, die Eltern die Wahlfreiheit für die Dauer geben.
    Almut Rosebrock, Wachtberg bei Bonn

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