Bachmann-Preis 2007: Teil IV

Aus dem „Tschechischen Paradies" kommt Milena Oda, hat eine sehr bunte Homepage und ist auch sonst sehr sympathisch. (vom Akzent bis hin zu den Zähnen!) Bei ihrem Romanauszug geht es ums Briefeschreiben. Der Erzähler ist wohl sehr einsam, ist aber immerhin auf Du und Du mit der Weltliteratur: Kant, Zola, Moliere, Dante, Poe, Flaubert, Musil… allein auf den ersten eineinhalb Seiten. Plätscherndes name dropping. Der Text ist jedenfalls mal was anderes, muss ich zugeben, kann aber nicht viel damit anfangen. Was sich leider im Laufe der Erzählung nicht ändert. Die Dramaturgie bleibt mir schleierhaft. Beim Mitlesen des Textes merkt man, dass sie beim Vorlesen kleine Fehler macht. Macht ja nix.

Auch die Juryvorsitzende scheint vom Charme der Autorin angetan, rafft sich aber trotzdem zu Kritik auf und vermutet eine kleine Falle. Plötzlich sind die „Leitungen aus Klagenfurt" unterbrochen. Dabei wurde es doch gerade so interessant. Kein Bild, kein Ton. Sabotage oder nur schlechtes Wetter? Mit Frau März steigen wir wieder ein. Auch ihr fehlt der Hintergrund hinter all den alten Männern der Literatur. Herr Corino findet den Text „peinlich" und sieht „auf dem Weg nach Berlin stark degenerierten tschechischen Humor". Hihi. Herr Ebel findet wie immer noch was Gutes und Herr Heiz versucht vergeblich, die Autorin (die er eingeladen hat) zu verteidigen. Insgesamt scheint die Jury so überfordert wie ich. Zum Glück lächelt Milena Oda trotzdem noch.

Der älteste Teilnehmer in diesem Jahr ist Kurt Oesterle und das merkt man seinem Vorstellungsfilm auch an. Auch er liest einen Romanauszug. Es geht um das erste Einzelkind im ganzen Tal. „Max war die Armut seiner Familie. Aber er war auch ihr einziger Reichtum." Besonders beim in-den-dunklen-Keller gehen fehlt das Mut machende "Mitkind". Ständig sieht er sich dem vierfachen (Mutter, Vater, Großmutter, Großvater) Willen der Familie ausgeliefert. Oesterle liest gut vor und der Text ist gut durchkomponiert. Stilistisch hätte das auch vor 50 Jahren geschrieben sein können (etwa zu der Zeit scheint es auch zu spielen-also macht es Sinn.) Dennoch fehlt mir ein Bruch. Es ist gut (perfekt?) gemacht, allein es erreicht mich nicht. Aber es bereitet vielleicht einen sehr fruchtbaren Boden für den letzten Beitrag des Tages:

Der „Spezialfall" (O-Ton Grandits) PeterLicht, der nicht gefilmt/fotografiert werden möchte und sich auch sonst von allem abheben will. Überraschenderweise vorgeschlagen von Frau Radisch. Ein halbwegs sperriger Vorstellungsfilm. So was hat sich aber auch langsam abgenutzt. Vielleicht ist es auch inkonsequent, sich üblichen Medienmechanismen zu verweigern zu wollen und doch bei so einem Wettbewerb mitzumachen.

Teilweise sieht man ihn von oben (nachlassender Haarwuchs) oder von hinten (gebügeltes Hemd), im Großen und Ganzen sieht man ihn aber -wie erwartet- gar nicht. Sein Text bringt das Publikum zum Kichern, fast ein bisschen zu oft. Zuhören kann man da mal ganz gut, lesen mag ich so was nicht. Alles bisschen pubertär. Mit Melodie und Rhythmus. Der Ich-Erzähler erklärt, wie viel Geld er gerade hat, wie das Wetter ist, was die Liebe so macht und worin das Problem mit seinem Sofa besteht usw. und führt alles ins Absurde. Als es einen Abschnitt lang um die Sonne geht, komme ich endgültig nicht mehr an den Gedanken ans Sonnendeck vorbei.  Dann folgt der apokalyptische Knall und dann noch einer und dann ist die Umgebung des Erzählers kaputt. Aber letztlich natürlich auch wieder nicht, weil das ja so was wie die Idee des Textes ist. Nein, so richtig schlecht ist das nicht, aber mit diesem Kampf um (Pseudo-)Pointen kann ich wenig anfangen.

Doch Klaus Nüchtern ist begeistert. Er nennt es „Jazz" und fühlt sich an Helge Schneider erinnert. Auch Ijoma Mangold schwärmt von der Sprachbewegung. Vielleicht bin ich zu alt für so was. Nicht ganz so begeistert ist Herr Ebel, der den "ernsten Kern" sezieren will. Frau Radisch spricht vor Begeisterung für so viel „Könnerschaft" direkt in die Kamera. Ein paar Juroren möchten lieber nichts sagen, vielleicht um nicht als „von gestern" zu gelten, weil sie den Text nicht mögen. Mir ist das egal.

Teil ITeil IITeil IIITeil V

2 Meinungen

  1. Oh, leider entdecke ich die ebenfalls bloggende Kollegin erst jetzt; dabei decken sich so manche Beobachtungen. Milena Oda fand ich bspw. auch sehr sympathisch. Umso mehr habe ich bedauert, daß ihr Text nach verheißungsvollem Beginn immer eintöniger wurde und sich totlief. Bei Licht muß ich gestehen, daß ich die Texte mag. Wenngleich lieber vorgelesen, als selbst sie zu lesen. Ein wenig war ich verwundert, daß keine ernsthafte Kritik laut wurde. Waren Corino und Co. schon zu müde?Meine Einschätzungen finden sich übrigens hier

  2. Ich schon wieder. Zu Fr. Oda: Corinos Einwand zur Literatur von Nicht-Muttersprachlern war ganz richtig. Der grausig langweilige und furchtbar verschwiemelte Text wimmelte von Stilblüten und Formulierungen, die nahelegen, daß die Dame erst auf Tschechisch denkt, was sie hernach auf Deutsch zu formulieren versucht. Oder was sollen Sätze wie “Ich finde meine Garstigkeit besonders erfinderisch” oder “Überströmende Lügen dienen mir als Heilmittel” bedeuten? Der schwer akzentbeladene Vortrag machte die Sache nicht besser.Oesterle war 1. arg brav, um nicht zu sagen schwäbisch-bräsig und 2. wiederum ganz und gar nicht frei von sprachlichen Mängeln und Fehlern. So heißt es z. B. gleich zu Anfang: “Er (mußte) hoffnungslos ohne Geschwister bleiben” (hä?), und: “Geschwisterlos bedeutete noch weniger als allein, geschwisterlos bedeutete unvollständig.” Natürlich muß es “mehr” und nicht “weniger” heißen. Fällt so was denn keinem auf? Und die Bilder, die der Rakusa so gut gefielen (“wie er den dreieckigen hellblonden Haarkeil mit der Hand über die vordere Schädelwölbung herniederzog und darunter ein Gärtchen mit Runzeln anlegte; wie er die Lippen, wenn sie einmal nicht aufgeworfen waren, in seinen Mund hineinsaugte, bis sie weiß waren vor Blutleere”), sind entweder schief (ist ein Keil nicht prinzipiell dreieckig? Kann etwas “weiß von Blutleere” sein?) oder stehen – wie das Runzelgärtchen – völlig isoliert da. Von preziösem Quark wie “herniederziehen” oder “die vordere Schädelwölbung” (statt der prisaischeren Stirn) nicht zu reden. Beim Lesen wären mit vermutlich nach drei Seiten die Augen zugefallen.Bei Licht hingegen (dessen erste Platte ich durchaus schätze, auch wenn einem diese ausgestellte Naivität doch recht bald auf die Nerven geht) wäre ich schon nach den ersten zwei Absätzen ausgestiegen. Das “Programm” des Textes – wie die Juroren wohl sagen würden – ist ziemlich schnell klar, aber sprachlich ist das so behindert – ein gräuslicher Bilder- und Metaphernsalat, falsche Sätze, Bezüge, Anschlüsse, Präpositionen etc. en masse -, daß der Mann ganz gut daran tut, sein Gesicht nicht in die Kamera zu halten. Mit “Jazz” hat das in etwa soviel zu tun wie Marianne Rosenberg (nichts gegen Marianne Rosenberg, aber sehr viel gegen dümmliche Musikmetaphern zur Beschreibung literarischer Texte). Furcht-bar! Aber damit im Prinzip ja voll auf Klagenfurter Linie. Es kann mithin eigentlich nur besser werden. (Yeah, right. ;))

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