Arm ? trotz Arbeit

Sozialversicherungspflichtige Jobs werden rasant abgebaut, schlecht bezahlte und zeitlich befristete Beschäftigungsverhältnisse nehmen quantitativ zu (Stichwort „prekäre Arbeit“), der Niedriglohnsektor expandiert. Für viele Menschen könnte das Leben zukünftig sehr unangenehm werden. Mehrere Minijobs und beschwerliche Tätigkeiten rund um die Uhr – und trotzdem reicht das Geld hinten und vorne nicht. Gut, dass der Sozialstaat in Deutschland noch halbwegs funktioniert. Ansonsten blühte unzähligen Lohndienern, was seit vielen Jahren in den USA bittere Realität ist.

Nachdem die Clinton-Administration grundlegende Änderungen der Sozialgesetzgebung vorgenommen hatte, wodurch faktisch die Sozialhilfe abgeschafft worden war (Motto: „Arbeit statt Fürsorge“), drängten viele Ungelernte und allein erziehende Frauen als Servicekräfte in die Niederungen der US-Erwerbsgesellschaft.

Die angesehene amerikanische Publizistin und Essayistin Barbara Ehrenreich, Jahrgang 1941, wollte hautnah miterleben, wie es ist, sich tagein, tagaus als Billiglöhner verdingen zu müssen. So begab sie sich Ende der 1990er undercover ins „Low-wage America“, mitten hinein in den boomenden Dienstleistungssektor und schuftete als Kellnerin, Putzfrau, Altenpflegerin und Verkäuferin in mehreren Bundesstaaten der USA. Wie viele andere Jobnomaden auch versuchte sie, sich finanziell irgendwie über Wasser zu halten, gelegentlich mit zwei Jobs oder mit Doppelschichten. Das Geld reichte jedoch gerade mal, um den meist sehr heruntergekommenen Wohnraum in überteuerten Motels oder in Wohnwagenparks zu finanzieren und die nötigsten Lebensmittel einzukaufen.

Freizeit wurde reinster Luxus. Der Tag war indessen komplett von lähmenden Routinearbeiten bestimmt, beim Putzen, beim Kellnern, von einfachsten Tätigkeiten, die unter enormem Zeitdruck und bei ständiger Gängelung durch autoritäre Vorgesetzte ausgeführt werden mussten. Das bedeutete pausenlos Stress, verbunden mit der Sorge, dass einem sofort gekündigt wird, wenn man aufmuckt. Auf die Dauer eine enorme Belastung für Körper und Seele, die am besten nicht „streiken“ sollten. Denn die Miete muss weiterhin bezahlt werden, Rechnungen sind zu begleichen, der Körper verlangt nach Nahrungszufuhr. Krankheit kann sich im Niedriglohnsektor keiner „leisten“.

Was Ehrenreich an ihren Kolleginnen beobachtete, erschüttert zutiefst: Unterernährung, häufig Schwindelgefühle, Verschleißerscheinungen aller Art, eine extrem angeschlagene Gesundheit mithin. Der Körper muss durchhalten, irgendwie wird’s schon gehen, auch wenn’s wehtut, so ihre ernüchternde Erkenntnis.

In vorbildlicher Wallraff-Manier hat sich die Autoren dorthin begeben, wo sich richtig abgeplackt wird, in die Lebens- und Arbeitswelt der „working poor“. Ihr Selbsterfahrungsbericht im Stile des investigativen Journalismus fesselt und schockiert zugleich. Die Mahnung, die implizit zwischen allen Zeilen des Buches durchscheint, ist eindeutig: So nicht! Diese Arbeitsbedingungen sind einfach menschenunwürdig!

Wir leben nicht in Amerika. Von den dortigen Arbeitsverhältnissen sind wir noch weit entfernt. Und auf unseren Sozialstaat können wir mit einigen Abstrichen nach wie vor bauen.

Gleichwohl lehrt uns die Lektüre etwas sehr Wichtiges. Nämlich, wachsam zu sein. Und zwar in doppelter Hinsicht.

Zum einen sich selbst gegenüber. In den Worten der Autorin: „Wenn du deine Zeit stundenweise verkaufst, bekommst du das Entscheidende nicht gleich mit: daß nämlich das, was du verkaufst, in Wirklichkeit dein Leben ist.“

Zum anderen gilt es, einen kritischen Blick auf die Umbau- und Abbaumaßnahmen zu werfen, die die politischen Ingenieure in Berlin am Sozialstaat vornehmen, mit dem Vorsatz, ihn zu „retten“. Wollen wir unseren Politikern Besonnenheit und Aufrichtigkeit unterstellen. Nehmen wir ihnen ihr Bekunden ab, mit aller Kraft für mehr Arbeitsplätze zu kämpfen. Aber bitte nicht, indem arbeitsmarktpolitisch darauf hingewirkt wird, einen möglichst großen Niedriglohnsektor zu schaffen, in dem nicht selten für wenig Geld extrem hart gearbeitet werden muss und trotzdem niemand seinen Lebensunterhalt ohne zusätzliche sozialstaatliche Alimentierung bestreiten kann.

Zumindest dem Lohndumping, der ruinösen Entwicklung, seine Arbeitskraft für immer weniger Geld verkaufen zu müssen, könnte leicht ein Riegel vorgeschoben werden: durch die Einführung eines angemessen hohen Mindestlohns. Inhumane Arbeitsbedingungen lassen sich auf diese Weise natürlich nicht beseitigen. Möglicherweise werden einige Minijobs aber dadurch attraktiver. Wenn denn zum Schluss wenigstens die Lohntüte prall gefüllt ist. Dann könnte eventuell der Zweitjob an den Nagel gehängt werden.


Barbara Ehrenreich: Arbeit poor
Unterwegs in der Dienstleistungsgesellschaft
Verlag Antje Kunstmann
München 2001

Eine Meinung

  1. Eines ist Fakt und wir kommen nicht dran vorbei. Die Löhne auch in Deutschland werden weiter sinken bis das Lohngefälle in Richtung Asien und vor allem China auf niedrigem Niveau ausgeglichen ist. Aber dann bitte schön müssen, ich wiederhole! dann m ü s s e n hier in Deutschland auch die Preise runter. In China wohnt niemand für 15,-EUR/qm kalt oder zahlt 8 EUR für a Mass Bier oder 42 EUR für ne Monatskarte. Im Fernen Osten billig fertigen lassen und hier exorbitant teuer verkaufen, funktioniert nicht.

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