Amüsante und kritische Betrachtungen über das Phänomen des Historismus

Harmlos und nett? Heraufbeschwören der alten Pleureusen-Herrlichkeit? Eine der vielen überzuckerten Veranstaltungen zum Wiesbadener Jahr des Historismus? Keineswegs. Sicherlich wird das Nauroder Mandolinenorchester aus seinem Repertoire Tänze und Lieder des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts spielen. Selbstverständlich wird Stefan Seeberg mit seinem Tanztaktell Biedermeier- und Gründerzeit-Tänze aufführen. Natürlich wird der Saal der Casinogesellschaft im Glanz erstrahlen. Und auf jeden Fall werden Gedichte von Eichendorff und Prosatexte von der Marlitt zu hören sein.

Alles schön. Alles geziemend. Alles?

Nein: Wichtig ist uns der Kontext. Zusammen mit der Schauspielerin Christina Sommerfeld werde ich am 31. August auf der Bühne stehen. Abendkleid, Hosenanzug oder á la Gründerzeit. Wir wissen es noch nicht.Seit Monaten beschäftigen wir uns intensiv mit dieser Zeit, die gerade einmal Hundert Jahre vorbei und doch nicht vergangen zu sein scheint. Haben meine Vorträge durchforstet, die Suchmaschinen angeworfen, Bibliotheken aufgesucht und Spannendes entdeckt.

Wie unterschiedlich sind Fontanes Frauengestalten, wie schlecht kommen bei ihm die reichen ‚dalbrigen’ Cousinen weg, die nur des Geldes und der Gesellschaft wegen geheiratet werden müssen. Wie tough sind die Kleinbürgertöchter Stine und Lene, illusionslos, pragmatisch, hellsichtig. Ganz anders die adeligen Fräuleins, die nicht nur im realen Korsett stecken. Sie sind die eigentlichen Verliererinnen. Den Männern geht’s nicht anders, sie sind ebenfalls den Zwängen unterworfen. Eine Standesgesellschaft. Verherrlichung eines Ehrbegriffes, der seltsam hohl erscheint. Phrasen. Selten einer, der ausbricht: Georg Herwegh, dessen Frau Emma mit ihm auf den Barrikaden steht. Oder Heinrich Heine, der Dichter zwischen allen Stühlen: Er wirft einen schonungslosen Blick auf die verlogene Gesellschaft. Seine Gedichte beginnen harmlos, doch er bricht den romantischen Ton ironisch. Ein Abwatschen in der letzten Zeile, köstlich. Die Lasker-Schüler beschwört die reine Liebe – ‚Komm zu mir in der Nacht auf Siebensternenschuhen’. Wundervoll.

Gegensätze: Die Marlitt, erfolgreiche Trivialautorin, aber auch Chronistin ihrer Zeit. Ihre Frauengestalten fügen sich mit pathetischem Tonfall in das Unabänderliche – die harte Wirklichkeit schimmert durch. Und Bettine von Arnim, die ihr Buch dem König widmet und es damit der Zensur entzieht. Sie prangert offen die Mißstände an.

Wir werden eine abenteuerliche Reise auf den Flügeln der Phantasie unternehmen. Am 22. August ist Generalprobe.

Eine Veranstaltung der Wiesbadener Casinogesellschaft, des Kur- und Verkehrsvereins und der Gesellschaft der Freunde der Hessischen Landesbibliothek am 31. August in der Friedrichstrasse 22. Einlaß 19 Uhr, Beginn 19.30 Uhr.

Karten zu 18 Euro gibt es beim Wiesbaden-Tourist-Service, Marktstrasse 6.  Tel  0611  17 29 930

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