35 ? und nach wie vor kein Land in Sicht

In seinem Buch
geht es in erster Linie um ihn persönlich, um Christian Schüle. Er nimmt sich
selbst zum Ausgangspunkt seiner Analysen. Er steht Modell und er gibt das
Modell ab für seine Generation, die ein anderer, Florian Illies, vor Jahren mal
deskriptiv auf den Markennamen eines deutschen Kleinwagens brachte. Welcher war
das noch gleich? Richtig, der Golf. Wir erinnern uns. Oder auch nicht. Aber das
macht dann auch nichts. Denn jetzt ist Schüles „Deutschlandvermessung“ auf dem
Markt, ein Buch, das in einer anderen intellektuellen Liga spielt als Illies
kurzweiliger, aber epochemachender Nostalgietripp.

Schüle liefert
eine umfassende generationelle Bestandsaufnahme ab, einen Zwischenbericht
sozusagen. Wo stehen sie heute, die Mittdreißiger? Was hat sie geprägt? Wie und
was denken sie über Deutschland? Welche Hoffnungen, welche Wünsche verbinden
sie mit ihrem „Heimatland“? Schüle legt das soziologisch-philosophische Maßband
an – hauptsächlich an sie: „Das sind die ersten arbeitslosen Akademiker
auf Sozialhilfe. Es sind die Opfer der Erosion des Sozialstaats. Sie erleben
die Sackgassentristesse der Wohlfahrt. Sie haben ein entseeltes Verhältnis zum
Holocaust. Sie leben aus der Situation und ohne Perspektive. Sie denken
vernetzt und sind einsam. Sie haben keinen Gott und keine Götzen. Sie gehen auf
Sinnsuche und finden Sinn in Autoritäten. Sie sind gedemütigte Hedonisten und
haltlose Wechselwähler. Sie tasten sich voran. Sie sind jene, die sich
aufmachen, Deutschland in seiner verlorengegangenen Zukunft zu gestalten. Sie
sind der erwachsen gewordene Nachwuchs, die ernüchterten Zöglinge der
Wohlstandsrepublik. Sie sind, mit Verlaub, die Verantwortlichen von morgen.“

Schüle nennt sie
„ICHlinge“ und meint die Menschen mit egozentrisch verengtem Blickwinkel, die
nur noch sich selbst kennen und sich im Grunde auch für nichts anderes
interessieren als für sich selbst. Die im Wohlstandsdeutschland so erzogen
wurden, als wenn sie der Nabel der Welt wären. Die ersten Vollmitglieder der
„Erlebnisgesellschaft“, die ihre individuelle Identität unter den Bedingungen
der Mitte der 1980er Jahre massenwirksam inszenierten „Postmoderne“
zusammenbastelten, getreu dem Motto: Sei das, wonach dir ist, und vor allem:
tu, was dir Spaß macht!

Sozialisatorisch
prägend waren die Jahre 1985, 1986. Im Nachhinein geradezu eine Zeitenwende,
eine Zäsur im Leben aller heranwachsenden „ICHlinge“. Als heute 35-Jährige/r
wundert frau/man sich, was seinerzeit alles über die „Welt“-Bühne ging, ohne
dass jemand auch nur erahnen konnte, welch soziokulturelles bzw. historisches
Gewicht den Ereignissen später einmal zugeschrieben würde. Hier nur ein paar
Stichworte, ungeordnet: Gorbatschow steigt zum Generalsekretär der KPdSU auf, Aids
wird zunehmend als bedrohliche Seuche erkannt, Richard von Weizsäcker hält
seine große Rede am 8. Mai 1985 (40 Jahre nach Kriegsende), Boris Becker siegt
in Wimbeldon, der Reaktor des ukrainischen Kernkraftwerks Tschernobyl
explodiert, der Begriff „Risikogesellschaft“ (Ulrich Beck) elektrisiert das
Feuilleton, SAT.1 und RTL gehen auf Sendung. Und das alles in den gesättigten
Kohl-Jahren, einer Phase „geistig-moralischen“ Umdenkens. Als die
Individualisierung um sich griff. Hedonismus zur dominanten Lebenseinstellung
wurde, verbunden mit einer materialistischen Grundhaltung. Als (endlich) wieder
mit Lust und Laune konsumiert werden konnte, weil die Portemonnaies prall
gefüllt waren. Als die Ideologien, die „großen Erzählungen“ (Jean-François Lyotard) anfingen
zu erodieren. Und der Wille zu individueller Selbstbestimmung und
größtmöglicher persönlicher Freiheit immer stärker wurde.

Wenn man/frau in
diesem „Geist“ herangewachsen ist, unter den gesellschaftlichen Bedingungen der
„Postmoderne“, in einer subjektiven Erfahrungswelt, in der nichts wirklich gut
und nichts wirklich schlecht ist, in einer Gesellschaft, die vor lauter
„Optionen“ geradezu überbordet; wenn die 1990er Jahre im Wesentlichen dazu
genutzt worden sind, sich während des Studiums intellektuell auf die Höhe der
Zeit zu bringen und man/frau anschließend erleben muss, wie „hart“ das Leben da
draußen ist, vor allem auf dem Arbeitsmarkt, der manchen „ICHling“ ein
ständiges Auf und Ab beschert, von einer zeitlich befristeten Anstellung zur
nächsten, ohne jemals irgendwo anzukommen und – schlimmer noch – ohne wirklich
gebraucht zu werden; wenn man/frau erlebt, dass viele andere dasselbe
„Schicksal“ ereilt hat, alle aber einen einsamen Kampf führen, jede/r für sich,
scheinbar unfähig zum gemeinsamen, solidarischen Aufbäumen gegen die miserablen
Umstände, für die sich die institutionalisierte Politik kaum interessiert, dann
wird es Zeit, Position zu beziehen, sich politisch einzumischen und – ganz
wichtig – Verantwortung zu übernehmen: für sich selbst und für andere, als Teil
einer Generation, die sich des unbekümmerten Golf-Fahrens schon lange entwöhnt
hat.

Kritische Selbstaufklärung unter den Dreißigjährigen wäre ein erster
wichtiger Schritt. Christian Schüle hat ihn getan und ein mutiges und verflucht
gutes Buch geschrieben. Analytisch stark, exzellent durchgetextet, locker im
Ton, gelegentlich etwas „stylish“, verspielt, immer aber mitreißend. Das ist
feuilletonistische Zeitdiagnostik at its best, explorativ, philosophisch
angereichert, vollgepackt mit schlagenden Erkenntnissen. Ohne Moralisierungen,
ohne allzu viel Pathos. Ein Buch wie ein Arschritt für die „Generation Golf“,
die ihn auch bitter nötig hat. Damit sie aufwacht und sich besinnt. Bevor die
„ICHlinge“ in die Midlife-Crisis geraten und alles nur noch hoffnungsloser
wird.


Christian Schüle: Deutschlandvermessung

Abrechnungen
eines Mittdreißigers
Piper Verlag
München 2006

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